Zeitung Heute : „Deutsche Schulen brauchen Ideen“

Das Unternehmen Microsoft bringt digitale Medien in den Unterricht – mit eigenen Initiativen. Weil Lehrern noch immer Know-how und pädagogische Konzepte fehlen. Und weil die Zeit drängt

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Herr Gallmann, wann waren Sie zuletzt in einer Schule?

Das ist noch nicht lange her, ich bin Vater von zwei Schulkindern. Aber auch im Rahmen unserer Projekte gehe ich natürlich immer wieder in die Schulen, weil uns der Dialog mit den Lehrerinnen und Lehrern wichtig ist. Wir wollen herausfinden, welche Unterstützung wir für den Einsatz neuer Medien in den Schulen geben können.

Was hat Sie beeindruckt?

Mich fasziniert, wie wissbegierig Kinder sind. Ich weiß, welche Freude sie haben können, wenn man ihnen Freiheit lässt und zugleich richtige Anreize setzt. Wir brauchen motivierte Lehrerinnen und Lehrer, aber auch neue, spielerische Ansätze, neue Lernmethoden für den Erwerb und für die Anwendung von Wissen. Hier setzt Informationstechnologie an.

Was bedeutet moderne Informationstechnik für die Schule?

Erstens ist der Umgang mit neuen Medien und Technologien heute neben Lesen, Schreiben, Rechnen zur vierten Kulturtechnik geworden. Digitale Medienkompetenz ist eine Grundvoraussetzung, um die Chancen der Wissensgesellschaft zu nutzen. Deshalb ist es unbedingt notwendig, Computer viel stärker als bisher in deutschen Schulen einzusetzen. Laut OECD haben in Deutschland nur 23 Prozent der 15-Jährigen im Unterricht PCs zur Verfügung. Zweitens kann der Einsatz von innovativer Technologie und Software neue Impulse für mehr Freude am Lernen setzen und die Eigenverantwortung der Schülerinnen und Schüler fördern. Wir brauchen wieder mehr Begeisterung für Bildung!

Was hat Sie als Unternehmen dazu bewogen, sich in der Bildung zu engagieren?

Microsoft ist seit 23 Jahren am Standort Deutschland vertreten, inzwischen mit fast 1900 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und einem großen Netzwerk an Partnerunternehmen. Als Technologieführer in der Softwarebranche sind wir auf ein hohes Bildungs- und Ausbildungsniveau und hoch qualifizierte Fachkräfte angewiesen. Daher liegt die Zukunft des Standorts Deutschland in unserem eigenen Interesse. Und diese Zukunft besteht in Innovationen, vor allem in der Hoch- und Spitzentechnologie. Deutschlands Rohstoff sind Ideen, und nur wenn wir sie erfolgreich als innovative Produkte und Dienstleistungen auf den Markt bringen, können wir in der globalen Wissensgesellschaft bestehen. Bildung schafft die Grundlage für Innovationen, für Wachstum und zukunftsfähige Arbeitsplätze. Daher fördert Microsoft Deutschland innovative Bildungsprojekte genauso wie ambitionierte High-Tech-Gründer.

Was kann Microsoft in dieser Situation tun?

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass gesellschaftliches Engagement am besten gemeinsam mit Partnern aus Wissenschaft und Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in Form konkreter Projekte realisiert wird. Als Technologieunternehmen haben wir keine Universalkompetenz, sondern wollen unsere unternehmerische und technologische Kompetenz dort einbringen, wo wir mit starken Partnern wirklich etwas bewegen können.

Wie viel gibt Microsoft für seine Bildungsprojekte aus?

Für unser Bildungsengagement in Deutschland wenden wir einen siebenstelligen Betrag auf. Das beinhaltet sowohl Sachmittel als auch finanzielle Unterstützung. Wichtig ist, dass wir konkrete Projekte ins Leben gerufen haben, mit denen wir Lehrerinnen und Lehrer bei der Nutzung neuer Medien im Unterricht Hilfestellung anbieten. Beispielsweise haben wir die Internetplattform „Innovative Teachers“ aufgebaut, mit der wir Lehrerinnen und Lehrer dabei unterstützen, einen modernen, praxisnahen und spannenden Unterricht vorzubereiten und durchzuführen. Ziel ist es, Lehrer miteinander zu vernetzen, gemeinsames Arbeiten zu ermöglichen und sie von der Erfahrung anderer Kollegen profitieren zu lassen.

Wie sehen Sie die Finanzierung von Bildung in Deutschland?

Ich glaube, die deutschen Schulen brauchen eher neue Ideen statt nur mehr Geld. Das Geld wird oft nicht richtig eingesetzt. Es fehlt an Know-how und an pädagogischen Konzepten, wie digitale Medien im Unterricht eingesetzt werden können. Angesichts der öffentlichen Kassenlage ist jetzt entscheidend, die Effizienz unserer Bildungseinrichtungen mit den bestehenden Ressourcen zu steigern, und zwar rasch. Wir können nicht länger warten. Und wir müssen angesichts der Stofffülle auch überlegen, wie wir den reinen Wissenserwerb und die Techniken der Wissensvermittlung verbessern können. Bildung soll Spaß machen und Begeisterung am Wissen wecken.

Was können Unternehmen generell, was der Staat nicht kann?

Unternehmen sind meist schneller und flexibler in der Umsetzung guter Ideen. Die Wirtschaft kann auch mal Neues mit Partnern ausprobieren. Daraus entstehen Ergebnisse, auf die die Politik reagieren muss. Gerade in der Bildungspolitik können wir es uns nicht leisten, länger zu warten, denn sonst verlieren wir international dauerhaft den Anschluss.

Kann ein Unternehmen unabhängig von seinen eigenen Interessen handeln?

Ein Unternehmen ist naturgemäß am eigenen Erfolg interessiert, denn sonst würde es der Verantwortung für seine Anteilseigner, seine Mitarbeiter und deren Familien sowie die Arbeitsplätze in seinem wirtschaftlichen Umfeld nicht gerecht. Für einen nachhaltigen Unternehmenserfolg aber, der sich nicht nur kurzfristig am Aktienkurs orientiert, sind auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wie Bildung, Integration und sozialer Frieden von großer Bedeutung. Daher liegt das gesellschaftliche Engagement im wohlverstandenen Eigeninteresse eines auf langfristigen Erfolg ausgerichteten Unternehmens. Es ist für alle Beteiligten eine Win-Win-Situation.

Bestehen Sie auf Ausschließlichkeit, wenn Sie eine Schule fördern?

Nein, natürlich bestehen wir nicht auf Ausschließlichkeit. Wenn wir die Freiheit der Lehre respektieren, und das tun wir, können wir eine Schule nicht einschränken. Schüler und Lehrer profitieren von der Vielfalt, die ihnen eine Schule bieten kann. Dennoch bin ich schon der Meinung, dass unsere Technologie, wenn sie in der Lehre eingesetzt wird, einen Mehrwert darstellt.

Bekommen Sie noch den Vorwurf zu hören, Sie wollten nur Werbung für Ihre eigenen Produkte machen?

Wenn Sie sich zum Beispiel die „Schlaumäuse“ ansehen, dann werden Sie in dieser Lernsoftware zur frühkindlichen Spracherziehung keine Werbung für Microsoft-Produkte finden. Das Programm wurde mit dem Cornelsen-Verlag und der ComputerLernWerkstatt der TU Berlin entwickelt, Schirmherrin ist Bundesfamilienministerin von der Leyen. Die Menschen, die unsere Projekte kennen lernen, sind eher überrascht, wie sehr wir uns als großes, weltweites Unternehmen im Kreis unserer Partner zurücknehmen.

Das Gespräch führten Rolf

Brockschmidt und Kurt Sagatz

Kontakt für Schulen:

Projektteam WissensWert, E-Mail: Wissen@

microsoft.com,

www.microsoft.com/

germany/wissenswert

www.innovative-teachers.de

Jürgen Gallmann

ist Vorsitzender der Geschäftsführung Microsoft Deutschland GmbH und Vizepräsident von Microsoft Europe, Middle East and Africa (EMEA)

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