Zeitung Heute : Deutsche Telekom testet Telefonieren über das Netz

PETER ZSCHUNKE (AP)

Enorme Preisvorteile gegenüber herkömmlicher Telefonie / Relativ stabile Verbindungen, aber Abstriche bei der GesprächsqualitätVON PETER ZSCHUNKE (AP)Weltweit zum Ortstarif telefonieren - mit dieser Nachricht schockten eine Handvoll Computertüftler vor zwei Jahren die großen Telekom-Konzerne.Inzwischen hat zumindest die Deutsche Telekom gekontert: Rund 1000 Teilnehmer des Pilotprojekts "T-NetCall" aus Deutschland, den USA, Kanada und Japan testen derzeit das Telefonieren im Internet - und dazu braucht man noch nicht einmal einen Computer.Einzige Voraussetzung ist ein Telefonapparat mit Tonwahl.Von Deutschland aus muß der Teilnehmer bei NetCall eine 0180-Telefonnummer anrufen.Eine muntere Telefonstimme fordert ihn dann auf, die gewünschte Nummer zu wählen und die von der Telekom auf einer Karte zugeschickte Geheimnummer (PIN) einzutippen."Ihr NetCall wird aufgebaut", hört der Anrufer, bis nach kurzer Zeit das übliche Freizeichen ertönt.Jetzt wandert die Stimme des Anrufers aus dem Telefonnetz in ein sogenanntes Gateway: Das ist ein Computer, der die Sprachsignale in elektronische Daten umwandelt und ins Internet schickt.Auf der anderen Seite müssen die Daten aus dem globalen Computernetz gefischt und von einem Gateway ins Telefonnetz zum gewünschten Teilnehmer geschickt werden. Beim Internet-Telefonieren ist der Anrufer erst einmal in Erklärungsnot: Selbst bei einem Gespräch von Frankfurt nach Berlin entsteht der Eindruck, als würde er über ein Satellitentelefon von Sydney aus anrufen - es ist nicht möglich, dem Gesprächspartner ins Wort zu fallen.Die Technik zwingt dazu, den anderen ausreden zu lassen.Denn im Internet werden die Daten nicht am Stück, sondern in einzelnen Paketen auf die Reise geschickt.Und diese nach dem TCP/IP-Protokoll gepackten Datenblöcke müssen erst wieder zusammengefügt werden, bevor sie als Sprache aus der Ohrmuschel des Telefonpartners herauskommen. Beim Blick auf den Zähler kommt Freude auf: Ein Gespräch von Deutschland nach Washington mit einer Dauer von 14 Minuten und acht Sekunden kostet gerade mal 3,48 Mark (beim 0180-Tarif von 24 Pfennig je Minute).Ein übliches Ferngespräch hätte mehr als das Fünffache gekostet.Falls die Telekom bei positiven Erfahrungen aus dem Test NetCall für alle anbietet, wird der Preis dafür vermutlich zwischen dem Ortstarif und den derzeitigen Ferntarifen liegen.Das geht zumindest aus einem Fragebogen der Telekom hervor, in dem die Testteilnehmer angeben sollen, welchen Preis sie für NetCall zu zahlen bereit sind.Den Preisvorteil muß der Kunde abwägen mit den Einbußen bei der Gesprächsqualität und möglichen Problemen beim Verbindungsaufbau.Mitunter scheiterte ein NetCall-Versuch mit der Auskunft: "Dieser Teilnehmer ist nicht erreichbar." Bei einem Versuch über das normale Telefonnetz war der Teilnehmer aber sehr wohl erreichbar. Hinzu kommt, daß Gespräche plötzlich unterbrochen wurden.Abzuwarten bleibt, wie stabil die Übertragung bleibt, wenn die Erprobungsphase überstanden ist und nicht nur tausend Testteilnehmer, sondern Zehntausende Nutzer auf die Gateway-Rechner zugreifen. Gegenüber den bisherigen Möglichkeiten der Internet-Telefonie ist NetCall aber ein großer Fortschritt.Wenn man etwa mit dem Netscape-Browser am Computer telefonieren will, so braucht man nicht nur eine Soundkarte und Lautsprecher, sondern auch ein Mikrofon.Wenn nicht ein Gateway ins Telefonnetz angewählt wird, muß der Gesprächspartner die gleiche Hardware-Ausstattung haben und gleichzeitig mit dem Internet verbunden sein.Vorteil des Internet-Telefonierens am Computer ist allerdings, daß dabei auch Texte und Bilder ausgetauscht werden können oder die beiden Telefonpartner gemeinsam an einem Dokument arbeiten können. Der Pilotversuch endete am 30.September.Man darf gespannt sein, welche Lehren die Telekom daraus zieht.Allerdings ist wohl nicht damit zu rechnen, daß NetCall so preisgünstig wird, daß die Telekom sich damit selbst Konkurrenz macht und bei den lukrativen Ferngesprächen Teilnehmer verliert.

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