Zeitung Heute : "Deutscher Louvre" im Behördengang

BERNHARD SCHULZ

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz muß nicht nur organisatorisch, sondern zuerst politisch in der Epoche des vereinten Deutschland und seiner Hauptstadt Berlin ankommen VON BERNHARD SCHULZ

Wer immer das Wort vom "deutschen Louvre" prägte, hat damit einen Maßstab aufgerichtet, an dem die Museumsinsel mit ihren Bauten und Sammlungen gemessen werden sollen.Der Vergleich fällt, was die Bausubstanz angeht, verheerend aus. Doch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist im Inneren gleichermaßen sanierungsbedürftig, und zwar dringend.Die bisherige und von ihrem Präsidenten Werner Knopp mit bewundernswertem Geschick verteidigte Trägerschaft durch alle 16 Bundesländer, mit dem Bund als länderseitig ungeliebtem Hauptfinanzier, hat ein Gebilde von bürokratischer Schwerfälligkeit hervorgebracht, das der gewaltigen Perspektive, wie sie im Wort vom "deutschen Louvre" anklingt, nicht gerecht werden kann.Heute nun tagt turnusgemäß der Stiftungsrat, der die Neuausschreibung des Wettbewerbs für den Wiederaufbau des Neuen Museums beschlossen hat, nachdem die Ergebnisse des ersten Wettbewerbs, der Wiederaufbau plus Erweiterung zum Gegenstand hatte, nicht zu finanzieren waren. Auch die jetzt angesteuerte "kleine" Lösung geht in die Millionen - Hunderte von Millionen.Der Sanierugsbedarf der Museumsinsel ist enorm; 1,5 Milliarden DM werden grob geschätzt.Der vollständige Wiederaufbau der Staatsbibliothek Unter den Linden, gleichfalls zur Preußen-Stiftung gehörig, wird mittlerweile auf 900 Millionen DM taxiert.Eines ist klar: Aufgaben solcher Größenordnungen lassen sich mit den einhundert Millionen DM oder auch ein wenig mehr, die der Stiftung alljährlich als Bauetat zur Verfügung stehen, in einem vertretbaren Zeitraum nicht bewältigen. Was die Struktur angeht, hat der Regierende Bürgermeister vor genau einem Jahr den Stein ins Wasser geworfen, als er die Neuregelung der Trägerschaft und deren Beschränkung auf Bund, Land und Stadt Berlin forderte; was nach der gescheiterten Ländernfusion Bund und Berlin bedeutet.Es sei denn, die Politik ränge sich zur großen und wirklich zukunftsweisenden Lösung der vor über zwanzig Jahren verworfenen Nationalstiftung durch.Zu diesem Konstruktionsproblem tritt die innere Auszehrung.Preußen-Präsident Knopp retiriert im kommenden Jahr; der Generaldirektor der Museen und sein Stellvertreter folgen in den beiden Jahren darauf.Nun aber hat auch noch Peter-Klaus Schuster, der Hoffnungsträger unter den Museumsleuten, seinen Wechsel ins leuchtende München für Anfang 1998 bekanntgegeben.Schuster sollte die mittlerweile drei Häuser der Nationalgalerie nicht nur führen, sondern auch geistig zu Höchstleistungen anregen, mit denen er selbst seit Jahren die vielfältigen Defizite der Museen glanzvoll überspielt.Einen Mann auf Abruf aber können die Museen jetzt am wenigsten brauchen; zu dünn ist die Decke, zu düster sind die Zukunftsaussichten.Der angekündigte Weggang legt alle Probleme offen.Jetzt, jetzt oder nie ist die Gelegenheit zu einer umfassenden Reform der Stiftung und ihrer Einrichtungen.Das Verhältnis vom Präsidenten zu den beiden, finanziell und von der Personalausstattung her gleichgewichtigen, in der Aufgabenstellung ind öffentlichen Rolle aber höchst unterschiedlichen Bereichen Museen und Staatsbibliothek(en) muß neu bestimmt,der überkommene Aufbau der Museen überdacht werden. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz muß, mit einem Wort, nicht nur organisatorisch, sondern zuallererst politisch in der Epoche des vereinten Deutschland und seiner Hauptstadt Berlin ankommen.Dieses Erbe Preußens ist eine nationale Verpflichung.Damit ist ein Gremium wie der Stiftungsrat naturgemäß überfordert.Jetzt ist die Stunde der Politik - oder das Wort vom "deutschen Louvre" bekommt einen bitteren Klang.

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