Zeitung Heute : Deutschland auf Achse

ANDREAS ROEPKE

Egal was kommt, die Tourismusbranche boomt / Am Urlaub wird zuletzt gespartVON ANDREAS ROEPKEIm Jahre 2005 wird jeder achte Arbeitsplatz in Europa mit der Tourismusbranche zusammenhängen.Nach Berechnungen der World Travel & Tourism Council (WTTC) werden dann in der Europäischen Union mehr als 21 Millionen Menschen für das Wohl und Weh der Reisenden sorgen.Die Branche hat zahllose Konjunkturkrisen problemlos überstanden, denn woran die Menschen hierzulande am wenigsten sparen, sind ihre Reise- und Freizeitaktivitäten.Das Freizeitbudget liegt bei zirka 27 Prozent des Durchschnittseinkommens.Die Touristik boomt, egal wieviele Arbeitslose die Wirtschaft in den letzten Jahren auch produziert haben mag.Arbeitslosigkeit gilt im Tourismus, ganz im Unterschied zu anderen Branchen, als "nicht nennenswert".Wer sich hier engagiert, der setzt auf eine Branche mit Zukunft.Die Arbeitsplätze gelten als überdurchschnittlich sicher.Gerade in den letzten fünfzehn Jahren zeigte sich die Reisebranche erstaunlich verläßlich.Das hat auch damit zu tun, daß in den 80er Jahren viel zu wenig ausgebildet wurde und sich nun ein gewaltiger Bedarf an Fachkräften bemerkbar macht.Doch der wahre Boom steht Deutschland noch bevor.Denn mit der immer weiter wachsenden Zahl an mobilen Rentnern wird der Freizeitverkehr nach einer Prognose des Instituts für angewandte Verkehrs- und Tourismusforschung in den nächsten zehn Jahren nochmals um weit mehr als 30 Prozent wachsen.Dann wird etwa ein Drittel unserer Bevölkerung ständig auf Achse sein, zu einem Kurzurlaub nach Mallorca oder einem Wochenendtrip nach Sylt.Ob Studium, Lehre oder Job - die Einstiegsmöglichkeiten sind verwirrend vielfältig.Sie finden sich bei Reiseveranstaltern und Reisevermittlern, bei touristischen Trägern, in Fremdenverkehrseinrichtungen, im Verkehrswesen und im Hotel- und Gaststättengewerbe.Die nicht-akademische Aus- und Weiterbildung herrscht im Tourismus eindeutig vor.Allerdings haben mitterweile schon rund 60 Prozent der Azubis im Tourismus Abitur oder Fachhochschulreife.Ein gewisser Wandel im Berufsbild hat schon jetzt zur Folge, daß immer mehr gut ausgebildete Fachkräfte gefragt sind.Zur Zeit entsteht ein Markt für die erste touristisch ausgebildete Akademiker-Generation.Bislang lag der Anteil an Fach- und Hochschulabsolventen in der Branche bei bescheidenen zwei Prozent.Das entspricht rund 26 000 Beschäftigten.Doch das wird sich bald ändern, denn zirka 30 000 weitere Absolventen wird die Branche nach Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Freizeit in den nächsten Jahren benötigen."Der Tourismusbranche droht eine Akademisierungslücke", befanden Bielefelder Wissenschaftler in einer Fachdokumentation.Was die Hotel- und Touristikindustrie im Augenblick am dringendsten benötigt, das ist ein gut ausgebildeter, qualifizierter Führungskräftenachwuchs für das mittlere und Top-Management.Knapp 20 Prozent der Stellenangebote in der Fachzeitschrift "Fremdenverkehrswirtschaft" richten sich an Führungskräfte.Fachhochschulabsolventen haben dabei zwar eine bessere Auswahl bei den klassischen Arbeitsplätzen.Uni-Absolventen werden allerdings gerne bevorzugt, wenn es um die Besetzung von lukrativen Führungspositionen geht.Doch wo oder was soll man studieren, wenn Touristik-Studiengänge an den Universitäten nicht angeboten werden? Im Gegensatz zu den Fachhochschulen bieten nämlich Unis "Tourismus" nur als Wahl-, Wahlpflichtfach oder Schwerpunktausbildung an.Lediglich an der Freien Universität Berlin wird ein einjähriges tourismusspezifisches Aufbaustudium angeboten.An der Hochschule in Görlitz gibts immerhin den interdisziplinären Studiengang Tourismus; in Bremen ist etwas Ähnliches in Planung.Bislang tummelten sich im Tourismusbereich die unterschiedlichsten Akademiker, wie Anglisten, Volkswirte, BWLer, Theologen, Juristen und vor allem auch Geographen.Einen geradezu legendären Ruf hat die Universität Trier.Dort kann man im Bereich Geographie die "Fremdenverkehrsgeographie" im Diplomstudiengang belegen.Besonderer Wert wird auf Marketing- und Managementwissen gelegt.Praxisnähe wird in zwei bis drei sechswöchigen Praktika vermittelt.Das Studium dauert neun bis elf Semester und ist eine optimale Voraussetzung für den Einstieg bei Verkehrsämtern, Kurverwaltungen, Tourismusverbänden oder privaten Tourismusorganisationen.Einziger Nachteil: wegen seines guten Rufes ist der Studiengang stark überfüllt, zumal es noch keinen Numerus Clausus gibt.Im Gegensatz zu den Unis finden sich an einigen Fachhochschulen eigenständige Studiengänge "Tourismus", die mit dem Titel "Diplom-Betriebswirt (FH)" oder "Diplom-Kaufmann (FH)" abschließen.Wer in der Touristik Karriere machen will, der kann es auch über eine Weiterbildung versuchen.Aufbauend auf einer abgeschlossenen Ausbildung als Reiseverkehrs- oder Luftverkehrskaufmann, beziehungsweise Hotelfachmann sowie einer zwei bis dreijährigen Berufstätigkeit kann man sich an 19 Instituten berufsbegleitend zum Touristik-Fachwirt (IHK) fortbilden. Informationen und AnschriftenRegina Müller "Berufe mit Zukunft.Boombranche Tourismus".Eichborn Verlag.24 Mark 80.
FUTURISTA e.V.(Internationaler Dachverband studentischer Arbeitsgemeinschaften im Tourismus), Am Stadtpark 20, 81243 München.
Universität Trier, Universitätsring 15, 54286 Trier.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar