Zeitung Heute : „Deutschland darf sich nicht zurückhalten“

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Herr Harff, im Libanon sind durch israelische Raketen UN-Soldaten getötet worden. Welcher Gefahr sind Schutztruppen in Krisengebieten ausgesetzt?

Es kann schon passieren, dass Blauhelme bei ihrem Einsatz von den Konfliktparteien irrtümlich beschossen werden. Ein Soldat, der nicht zu Hause in seiner Kaserne Däumchen dreht, sondern weltweit im Einsatz ist, ist durchaus gewissen Gefahren ausgesetzt. Wenn die UN ihre Friedensmission im Libanon nicht unterbrechen, müssen sie mit solchen Zwischenfällen rechnen.

UN-Generalsekretär Kofi Annan hat Israel vorgeworfen, den Posten absichtlich ins Visier genommen zu haben ...

Und die Israelis sagen, dass es ein bedauerlicher Irrtum war. Wenn ich in einem Gebiet bin, wo die Hisbollah aktiv mit Raketen gegen Israel vorgeht, die Israelis Bodentruppen dagegensetzen und eine Friedenstruppe dazwischensteht, dann muss eine politische Entscheidung her. Entweder Sie ziehen die Beobachter ab oder nicht. Das hat Annan nicht gemacht. Keine Seite hat den Beweis erbracht, dass der Angriff Absicht war.

Was halten Sie davon, dass sich deutsche Soldaten bei einer Friedensmission in Nahost beteiligen sollen?

Es ist selbstverständlich, dass Deutschland sich als engagiertes und finanzstarkes Mitglied der UN nicht zurückhalten kann. Ich sage nicht, dass wir bei einem Friedenseinsatz an vorderster Linie stehen müssen. Aber ein Engagement Deutschlands wird – unabhängig von unserer Geschichte – wohl erforderlich sein.

Welche Bedingungen müssen für einen Nahost-Friedenseinsatz gegeben sein?

Die Basis für ein solches Engagement sind eine UN-Resolution und Multinationalität. Zudem muss eine klare politische Zielsetzung für den Einsatz gegeben sein. Und wir brauchen einen Konsens: Die deutschen Parteien müssen sich über die Mission einig sein. Ebenso müssen Libanon und Israel zustimmen, dass UNFriedenstruppen in die Region kommen.

Wo könnten deutsche Truppen bei einer Friedensmission im Nahen Osten konkret zum Einsatz kommen?

Die Bataillone müssen nicht zwangsläufig im Libanon oder in einer Pufferzone zwischen dem Land und Israel „an vorderster Front“ stationiert werden. Sie könnten die Mission auch anderweitig unterstützen, zum Beispiel beim Lufttransport oder auf einer logistischen Basis für die UN. In jedem Fall wird Deutschland einen militärischen Beitrag leisten müssen.

Ist die Bundeswehr auf einen solchen Einsatz überhaupt vorbereitet?

Das dürfen Sie einen alten General nicht fragen! Die Bundeswehr ist nach meinem Kenntnisstand eigentlich für solche Einsätze vorbereitet und kann das auch leisten. Dass sie dafür vielleicht Truppen aus anderen Krisengebieten abziehen muss, steht auf einem anderen Blatt. Schwierig ist die materielle Einsatzbereitschaft, die für die Bundeswehr derzeit nur bedingt für zusätzliche Operationen gegeben ist.

Helmut Harff ist Brigadegeneral a. D. und führte deutsche Truppen bei den Friedenseinsätzen in Kosovo und Somalia. Das Gespräch führte Sarah Kramer.

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