Zeitung Heute : Deutschland, deine Emigranten

Gerald Kleinfeld stiftete eine Professur – aus Liebe zum Land seines Vaters

Christoph von Marschall[Wartburg (Iowa)]

„Man müsste blind sein, um die deutschen Wurzeln zu übersehen“, hatten die Gastgeber vorausgeschickt. In der Tat: Die wichtigsten Orientierungspunkte auf diesem College-Campus „in the middle of nowhere“ der USA heißen „Konditorei“, „Luther Hall“ und „Rittersaal“. Die Außenwand der Universitätskapelle ziert das protestantische Kirchenlied „Ein feste Burg ist unser Gott“. Wartburg College in Iowa führt seine Gründung auf deutsche Lutheraner aus Neuendettelsau im Jahr 1852 zurück. Damit sei es die älteste, von deutschen Immigranten gegründete Hochschule in den USA, die bis heute Deutschlandkunde lehre – sagen seine treuen Anhänger. Seit der deutschen Einheit hat die Gemeinde Waverly, in deren Grenzen es liegt, auch die passende Partnerstadt: Eisenach, am Fuße der originalen Wartburg in Thüringen, wo Luther die Bibel übersetzte.

Deutsch beherrschen hier nur noch wenige. Seit dem Ersten Weltkrieg ist Englisch die Hauptunterrichtssprache. Aber zum Abschluss des akademischen Jahres 2007/08 feiert die Hochschule die Stärkung ihrer deutschen Tradition. Gerald Kleinfeld aus dem fernen Arizona hat eine Million Dollar gestiftet, damit auf Dauer ein Lehrstuhl für deutsche Geschichte eingerichtet werden kann. Es ist sein Vermächtnis und sein Erbe, in doppelter Hinsicht. Kleinfeld wurde als Sohn eines deutschstämmigen Amerikaners und einer Britin in New York geboren. Der Vater war Industriearbeiter, die Mutter Buchhalterin. Deutsch hat auch er nicht zuhause gelernt, sondern erst beim Studium in Wien; die Färbung ist ihm bis heute anzuhören. Nun ist er über 70, kinderlos und fragt sich nach zwei Herzattacken, was von ihm bleibt.

Er hat selbst sein Leben lang Geschichte und Politikwissenschaften gelehrt, vorzugsweise deutsche, zuletzt an der Arizona State University in Phoenix. Und vor rund dreißig Jahren hat er den Verband für Deutschlandstudien der USA gegründet. „Deutschland ist meine zweite Heimat“. Bis 2005 war er der Executive Director. „Ich hätte mein Vermögen einer Eliteuniversität wie Harvard vermachen können, dann wäre ein Backstein nach mir benannt worden“, scherzt Kleinfeld, ein untersetzter bulliger Mann mit einem kräftigen Schnurrbart, dessen Enden kunstvoll gezwirbelt sind. „Oder einer größeren Provinzuniversität wie Oklahoma State; die hätte vermutlich auch einen Deutschland-Lehrstuhl dafür eingerichtet. Aber der wäre in der Masse untergegangen.“

Also hat er sich auf die Suche gemacht nach einer kleinen, aber feinen Hochschule, für deren Identität die Verbindungen nach Deutschland zentral ist. So stieß er auf Wartburg. Ein Jahr lang hat er geprüft, ist regelmäßig zu Besuch gekommen, hat mit Professoren und Studenten gesprochen, dann war der Beschluss reif: Er hat dem College sein Haus in Phoenix überschrieben, einer Boomtown mit rapide steigenden Immobilienwerten, dazu das Ersparte – und sich selbst das Versprechen abgenommen, bis zum Lebensende Spenden für Wartburg einzuwerben. „Noch nie in meinem Leben habe ich irgendjemand eine Million geschuldet.“ Da klingt seine Stimme feierlich ernst. „Ich bin doch nur ein kleiner Professor.“

Aber dann schwärmt er von Wartburgs „deutschen Tugenden“, und da wird es ihm sichtbar leicht ums Gemüt. „Die sind hier grün, das neue Fitnesscenter wird von Windkraft gespeist. Das College hat seinen Sitz in der Provinz, aber die Studenten sind nicht provinziell: 38 Prozent studieren mehrere Monate im Ausland.“ Das sei weit überdurchschnittlich für die USA. „70 Prozent stammen aus Iowa, aber die übrigen 30 Prozent aus 40 Ländern rund um die Welt. Das Lehrer-Schüler-Verhältnis ist ideal, auf einen Professor kommen zwölf Studenten. Viele sind künstlerisch begabt, ein Viertel studiert Musik im Nebenfach.“ Der Wartburg-Chor geht regelmäßig auf Deutschland- und auf Welttournee. Sein Förderprogramm nennt sich Wagner-gemäß „Meistersinger“. Deutsche Wurzeln lassen sich offenbar nicht so leicht kappen. Auch Christian Mueller aus Kalifornien und Amy Nass aus Colorado haben zuhause kein Deutsch gelernt, aber irgendwie war die verschüttete Familiengeschichte dann doch prägend. Der Schüleraustausch führte nach Sachsen kurz nach der Einheit, im Studium ging es für ein Semester nach Bonn und Marburg.

Dabei verrät der reich illustrierte Bildband der Collegegeschichte von Unihistoriker Ronald Matthias: Eigentlich ist es ein Wunder, dass Wartburg seine deutsche Prägung nicht verlor. Sechs Mal ist das College umgezogen seit den Anfängen 1852 in Saginaw im Nachbarstaat Michigan. Mehrmals flüchtete die Leitung vor dem Herrschaftsanspruch konkurrierender lutherischer Synoden – Wartburg war lange das Lehrer- und Pfarrerseminar für den Mittleren Westen. Und immer wieder stand das College am Rande des Bankrotts. Die nachlassende konfessionelle Prägung, der Wechsel der Unterrichtssprache oder die Anfeindung alles Deutschen in zwei Welkriegen hätte die Tradition beenden können. Aber sie behauptete sich.

Was verbinden junge Amerikaner heute mit Deutsch? „Bier, Hitler, Holocaust und Zweiter Weltkrieg“ seien die populärsten Themen, sagt Daniel Walther, der 42-jährige erste Inhaber des Kleinfeld-Lehrstuhls für deutsche Geschichte. Sie erwarten einen frischen, unkonventionellen Zugang. Da sind sie bei Walther, der in München studierte und den Sommer 2008 am Wissenschaftszentrum Berlin verbringt, an den Richtigen geraten. Seine Studie „Creating Germans abroad“ über die Deutschen in Namibia, zum Beispiel, untersucht auch die Wahl der Sexualpartner im Ausland, fern der sozialen Zwänge daheim.

Ein deutsches Kulturelement freilich vermissen sie in Wartburg und Waverly derzeit schmerzlich. Das „Brandenburg“ hat geschlossen, das beliebte deutsche Traditionslokal – nicht weil die Kunden wegblieben, sondern weil die Betreiber das Rentenalter erreichten, ohne Nachfolger zu finden. Sie fragen, ob es denn heute gar keine auswanderungswilligen deutschen Köche mehr gebe?

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