Deutschland drumherum : Polen – das Vorbild Europas

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In Polen war am Donnerstag Brückentag. Weil auch in Polen der 1. Mai der Tag der Arbeit ist, da wird auch hier nicht gearbeitet. Ich bin in Polen, dem ersten unserer Nachbarländer, durch die ich in den kommenden zwei Monaten laufe. Nicht nur, etwa 1700 Kilometer, den Rest, nochmal etwa 1700 Kilometer, werde ich Bus fahren oder trampen. Auf der Suche nach den Grenzen Europas, oder besser, danach, ob es die noch gibt oder wieder gibt. Und auf der Suche nach unseren Nachbarn, und danach, wie sie uns sehen in Deutschland, nun, da Europa ins Gerede gekommen ist, und wir Deutsche im Zentrum des Geredes stehen.

Tomas zum Beispiel. Der wohnt in der Nähe von Podjuchy, das liegt 25 Kilometer südlich von Szczecin an der Oder. Normalerweise arbeitet er in Deutschland, er ist einer der Polen, die wir immer zur Hand haben, wenn es etwas zu renovieren gibt. Natürlich unter der Hand, weil es ja nicht korrekt ist und wir den eigenen Arbeitsmarkt schwächen. Aber heute, also gestern, hat Tomas Brückentag. Polen ist in diesen Tagen rot- weiß beflaggt. Für den 1. Mai. Und praktischerweise auch für den 3. Mai. Da lohnt sich eine Entflaggung nicht. Der 3. Mai ist der größte polnische Feiertag, nach den katholischen selbstredend. Am 3. Mai 1791 gab sich Polen eine Verfassung. Eine, die sich der Aufklärung verpflichtet fühlte. Und die, das wissen bei uns wahrscheinlich nur die wenigsten, ich zumindest wusste es nicht, oder ich habe es längst wieder vergessen, die erste Verfassung in Europa ist. Und nach der Verfassung der Vereinigten Staaten die zweite weltweit überhaupt.

Das hat mir ein Caféhausbesitzer in Swinoujscie erzählt. Er saß dabei in der Sonne, genoss den Kaffee und die Zigarette und den Stolz: „Weißt du“, sagte er, „wir Polen sind sozusagen das Vorbild in Europa. Ihr Deutschen mögt vielleicht besser im Fußball sein“ – am Abend zuvor hatte Borussia Dortmund den Einzug ins Finale der Champions League geschafft – „mithilfe von drei Polen“, sagte der Caféhausbesitzer, „aber die Demokratie haben wir in Europa eingeführt.“ Das allerdings zwischendurch viele Jahre vergessen, dachte ich. Er konnte offensichtlich Gedanken lesen. „Unter den Kommunisten“, sagte er, „war der Tag nicht so beliebt, aber jetzt ist er wieder ganz groß.“

Und weil das so ist, verzichtet Tomas auf das Schwarzgeld aus Deutschland, hat sich den 2. Mai als Brückentag genommen und feiert am 3. Mai den Tag, an dem Europa eine Verfassung bekam. Helmut Schümann

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