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Deutschland drumherum : Wenn der Blick haften bleibt

17.05.2013 14:33 UhrVon Helmut Schümann
Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Bild vergrößern
Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann. - Foto: Tagesspiegel

In Böhmen angelangt, bekommt Helmut Schümann den bitteren Teil Tschechiens zu sehen: Vertreter der Hilfsorganisation führen ihm in Cheb die traurige Realität, den harten Straßenstrich.

Mitunter gelingt es nicht bei dieser Umrundung Deutschlands, den Blick von draußen auf Deutschland zu richten, mitunter bleibt der Blick haften im Draußen, in diesem Fall in Böhmen.

Man kennt die Gesichter auch aus deutschen Innenstädten, wo sie mehr oder weniger auf die Nerven gehen mit ihrer Bettelei oder mehr oder weniger gekonnt Musik machen. Hier machen sie keine Musik, zumindest habe ich keine gehört, hier haben sie Probleme, die Sinti und Roma in Tschechien. Als mich die Vertreter der Hilfsorganisation Karo durch Cheb an der schönen Eger führten und mir Cheb ganz unten zeigten, nämlich den grausamen Straßenstrich, war die Mehrzahl der zerstörten Seelen junge Sinti und Roma.

Ja, hatten die Karo-Leute gesagt, es sind viele Roma, Menschen, die nichts mehr haben.

300 000 Roma leben in Tschechien, geschätzt, und Leben kann man das für die meisten nicht nennen. Ihre Jobs, die sie sicher hatten in Zeiten des Kommunismus, machen jetzt billige Leiharbeiter aus der Ukraine. Die Innenstädte wurden nach der Privatisierung saniert, die Mieten stiegen ins Unbezahlbare. 90 Prozent der Roma sind arbeitslos, und sie hausen, abgedrängt in Ghettos am Rand der kleinen Städte, in Häusern ohne Türen, Fenster, Wasser und Strom.

Und als ich in Nejdek die Lehrerin Blanka Horakova traf, erzählte sie unter anderem, dass es kaum ein Entkommen gibt aus dem Elend. Die Hälfte der Roma-Kinder wird von vorneherein als „leicht geistig behindert“ eingestuft und in Sonderschulen gesteckt. Einfach so, nur weil sie aussehen, wie sie aussehen, mit ihrer etwas dunkleren Haut.

Jeder dritte Roma ist Analphabet. Ausgeschlossen von Bildung, ausgegrenzt vom Arbeitsmarkt, chancenlos auf dem Wohnungsmarkt – ich habe sie immer wieder gesehen bei der Wanderung durch Böhmen, die Verwahrlosung der Roma, ihre Abschottung. Das nährt den Hass. Es kommt immer wieder zu Demonstrationen gegen die Roma, bei denen laut skandiert wird: „Zigeuner ins Gas!“ Und dann richtet sich der Blick auf irgendeine Weise doch wieder nach drüben, auf die andere Seite der Grenze.

Helmut Schümann umrundet Deutschland. Durch Deutschlands Nachbarländer – manchmal mit dem Bus, manchmal im Regionalzug, aber meistens zu Fuß.

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