Zeitung Heute : Deutschland – ein blaues Rechteck auf grünem Rasen . . .

. . . oder wie eine Französin seit den 70er Jahren die Nachbarschaft von Elsass und Baden-Württemberg erlebt. Eine Hommage auch an das Schwimmbad von Kehl

Pascale Hugues

Deutschland habe ich mit der Nase kennen gelernt. Ein Geruch nach Chlor und frisch geschnittenem Gras, nach ranzigem Pommes-Fett und süßlichem Sonnenöl. Duft des Abenteuers. Allerdings bedeutete das Schwimmbad von Kehl für die jungen Straßburger der 70er Jahre alles andere als die große weite Welt. Unsere bescheidene Flurnachbarin Kehl konnte es keinesfalls mit den Reizen des fernen Berlin aufnehmen, von dem wir im Geschichtsunterricht träumten.

Aber auf die Velo Solex steigen, aus der Stadt heraus den Hafen entlang fahren und dann über den Rhein – das war schon eine lange Reise. Am anderen Ende der Brücke gab es uns jedes Mal einen Stich ins Herz, wenn wir den Zöllnern in ihren tannengrünen Uniformen den Ausweis zeigen mussten. An den Scheiben der Zollbaracken klebten Fahndungsplakate mit kleinen Schwarzweißfotos, auf denen die gesuchten RAF-Terroristen uns bedrückte Blicke zuwarfen. Wir wagten uns in eine Gefahrenzone.

Dann tauschten wir an der Wechselstube Mark ein, bogen vor dem Hotel Europa rechts ab – bis heute zeigt mir dieser Klotz wie ein Leuchtturm, dass ich in Deutschland angekommen bin –, wir folgten der tristen Geschäftsstraße, erstarrt in ihrer wohlhabenden Langeweile, und waren am Schwimmbad. Deutschland – ein blaues Rechteck auf grünem Rasen.

Eine ordentliche Welt

Hygienischer, reicher, besser ausgestattet als die ärmlichen kleinen Stadtbäder in unserem Straßburg. Die allgegenwärtige Ordnung schüchterte uns ein wenig ein: Das Tragen von Badekappen ist vorgeschrieben. Das Schubsen ins Wasser ist verboten. Das Rennen am Beckenrand ist verboten. Das Springen ins Wasser ist verboten. Pfiffe vom Bademeister, böse Blicke von den Stammgästen. Im Schwimmbad von Kehl habe ich den ersten Schrecken meiner Kindheit erlebt. Ein sadistischer Bademeister hatte uns gewarnt: Wenn man ins Wasser pinkelt, gibt es eine chemische Reaktion, ein großer roter Kreis ist zu sehen. Man wird auf der Stelle verhaftet. Eine von der Hitze erdrückte Insel direkt nebenan, und trotzdem so exotisch. Eine Welt aus Stricknadeln, Kreuzworträtseln in Illustrierten, aus „Reib mir mal den Rücken ein“, aus Coca-Cola-Bechern, Pumpernickelbroten, aus „Aber bitte mit Sahne“ und dem trockenen Ploppen der Tischtennisbälle. Deutschland im Miniformat. Provinz und Monotonie. Sauberkeit und Ordnung. Sport und Gesundheit.

„Mach mal Pause, trink Coca Cola“ stand in großen Lettern über dem Ausschank im Schwimmbad von Kehl. Das waren die ersten deutschen Worte einer ganzen Generation kleiner Elsässer. Das war, bevor die Familie Schmidt (Frau Schmidt, Herr Schmidt und Karl und Inge, ihre beiden irgendwie debil wirkenden Kinder) aus den Schulbüchern unseren Wortschatz erweiterte und uns mit dem Genitiv und den untrennbaren Vorsilben folterte. Bis zum Tag, als das Schwimmbad von Kehl in unsere Klasse schwappte. Mit seinen breiten Schultern war der neue Deutschlehrer ein grandioser Kleiderschrank, er hatte einen dichten schwarzen Schnurrbart, dunkle Augen und ein Edelweiß-Lächeln. Wie ein Ei dem anderen glich er dem amerikanischen Schwimmer Mark Spitz, der bei den Olympischen Spielen gerade die Goldmedaillen abräumte. Natürlich waren wir Mädchen wahnsinnig in ihn verknallt. Wir drängelten uns in der ersten Reihe. Unsere Deutschkenntnisse machten rasante Fortschritte.

Am Sonntag führte der Forschergeist unsere Familie weiter ins Land, an den Titisee, den Bergsee, dessen Name uns ebenso faszinierte wie die Namen der großen Seen Afrikas. In die Schwarzwaldgasthäuser, wo die Kellnerinnen mit ihren roten Bollenhüten und ihren überwältigenden Decolletés den ganzen Tag Essen servierten, während im Elsass griesgrämige Wirtinnen den Gästen die Tür vor der Nase zuschlugen, wenn sie um zwei Uhr mittags essen wollten.

Aber das Deutschland der Sonntagsausflüge und der nachmittäglichen Schwimmbadbesuche war nicht dazu angetan, die Träume der jungen Elsässer zu beflügeln. Ein Schüleraustausch, Depression inbegriffen, mit der Stuttgarter Brieffreundin kam nicht in Frage, mit diesem dicken rotgesichtigen Mädchen, das, von den Eltern flankiert, eines Tages bei uns vor der Tür stand. Das Abenteuer, das richtige, kam später. Man musste den Zug nehmen und dann die Fähre, man musste eine unendliche blaue Weite überqueren: Carnaby Street, Soho, Deep Purple und Pink Floyd. Und eines Tages entthronte Brighton Beach das Kehler Schwimmbad.

Zu Hause und doch völlig fremd

Das Deutschland der Elsässer ist Baden-Württemberg, eine Verlängerung unserer selbst. Die Spiegelung dieser zugleich germanischen und französischen Identität, die der Schriftsteller Frédéric Hoffet einmal „elsässische Schizophrenie“ genannt hat. Hier blüht unsere deutsche Empfindsamkeit auf, während unsere gallische Ader rebelliert. Wir fühlen uns zu Hause und dabei völlig fremd. Im Schwarzwald scheinen die Bäume stramm zu stehen, während sich gegenüber in den Vogesen Anarchie ausbreitet.

Bis heute arbeiten Deutschland und das Elsass nur wenig zusammen: die Buslinie 21, die Straßburg und Kehl verbindet, die Stadträte, die nachbarliche Probleme regeln. Die Gemeindevertreter von beiden Seiten des Rheins verständigen sich auf Englisch. Der Bürgermeister von Kehl spricht kein Französisch, der Bürgermeister von Straßburg kein Deutsch. Die Städtepartnerschaft mit Stuttgart beschränkt sich auf ein alljährliches Besäufnis. Die Neugier auf den Nachbarn geht über ein wenig Handel in der Nähe nicht hinaus. Die Elsässer tanken „gegenüber“ und fahren auf der deutschen Autobahn in die Alpen, weil man auf der französischen Seite bezahlen muss. Die deutschen Touristenbusse fahren am 3. Oktober nach Straßburg, die Elsässer nutzen den 9. November, den Gedenktag zum Ende des Ersten Weltkrieges, für einen Ausflug nach . . . Deutschland.

Einen Vorgeschmack auf Berlin, mein Deutschland von heute, hat Straßburg mir gegeben. Die Städte ähneln sich. Unsere Place da la République, unsere Nationalbibliothek, unser Bahnhof, unsere Präfektur – alles wurde im Stil der Gründerjahre erbaut, als das Elsass eine Provinz des Deutschen Reichs war. Aber mein erstes Deutschland war das Schwimmbad von Kehl.

Die Autorin hat zusammen mit Albert Knechtel den Film „Alte Liebe - rostet nicht“ gedreht, der heute um 20 Uhr 45 auf Arte gesendet wird.

Übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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