Zeitung Heute : Deutschland, ein uneinig Vaterland?

GERD APPENZELLER

Die westdeutschen Erklärungsmuster funktionieren nicht mehr.Sie schildern die Lage im Osten Deutschlands nur unvollkommen, die Menschen dort haben einen eigenen Kopf, der aus Alt-Bonner Sicht meist ein Querkopf istVON GERD APPENZELLERAls im Vorfeld der deutschen Wiedervereinigung die Frage aufkam, ob dieses epochale Ereignis nicht Grund und Anstoß sein müsse, über eine Revision des Grundgesetzes nachzudenken, über eine breite Debatte auch der Verfassungsziele, endete der Diskurs schnell in dem vom politischen Establishment vehement verfochtenen Abblocken größerer Veränderungen.Das ließ sich formaljuristisch damit gut begründen, daß die DDR, oder besser die Länder, die sie bildeten, dem ihnen bekannten Grundgesetz beitreten wollten, was Grund genug zu der Annahme sei, sie wüßten, was sie tun.Für weitere Diskussionen wenig förderlich war auch, daß man hinter den eine Wandelung des bisherigen Einfordernden die altbekannten westdeutschen Störenfriede ausmachte, deren chronische Unzufriedenheit in der etablierten Parteienlandschaft schon immer Unbehagen ausgelöst hatte.Und schließlich war da auch ein zutiefst emotionales Moment: Gab der überwältigende Erfolg des Politikmodells Bundesrepublik nicht all jenen Recht, die auf Beständiges statt auf Neuerung setzten?Ein knappes Jahrzehnt haben sich, freilich immer öfter widerstrebend, Politik und Menschen in den neuen Ländern den Vorgaben aus den alten angepaßt.Nun wissen wir: Die westdeutschen Erklärungsmuster funktionieren nicht mehr.Sie schildern die Lage im Osten Deutschlands nur unvollkommen, die Menschen dort haben einen eigenen Kopf, der aus Alt-Bonner Sicht meist ein Querkopf ist.Sachsen-Anhalt spätestens signalisiert: Deutschland ist anders geworden.Natürlich ist es schon ein starkes Stück, wenn Reinhard Höppner durch die von ihm eingeschlagene Taktik letztendlich dokumentiert, daß er die Abhängigkeit von der PDS für weniger problematisch hält als die von der CDU.Und sicher hört man, je ferner von Bundesdeutschlands neuen Territorien, desto lieber, gerne Friedrich Bohls Einschätzung, bei den Sozialdemokraten gebe es keine klare Abgrenzung zu den Kommunisten mehr.Dort spürt man wohl auch Genugtuung über Theo Waigels starken Satz, wonach Oskar Lafontaine eine tiefrote Volksfront schmieden wolle.An der Mehrzahl der Deutschen im Osten der Republik geht das aber vermutlich vorbei wie ein Rauschen des Windes.Sowohl die SPD als auch die PDS haben bei den Wahlen in Sachsen-Anhalt hinzugewonnen, die einen sehr viel, die anderen weniger.Beide zusammen kommen auf fast 60 Prozent der abgegebenen Stimmen.Ganz empfindlich schmerzende Verluste beklagt nur die CDU.Zwei Dinge stehen somit, was immer man sonst noch aus dem Wahlergebnis herauslesen mag, unumstößlich fest: Knapp zwei Drittel der Wähler haben nichts gegen Höppners Tolerierungspolitik der letzten vier Jahre, aber sehr viel gegen das, was ihnen die Christdemokraten an Alternativen anzubieten hatten.Sage niemand, das Desaster der CDU ginge nur zu Lasten des Kanzlers! Wenn dessen Spitzenmann in Magdeburg eine andere Ausstrahlung hätte, wäre es so schlimm wohl nicht gekommen.Die Menschen in der früheren DDR haben eine andere Erwartung an die Politik, unabhängig davon, ob sie einer, und egal welcher, Partei sie angehörten.In einer Tradition sehr weitgehender staatlicher Lenkung aller gesellschaftlichen Bereiche aufgewachsen, glauben sie, daß die Politik die Dinge vor allem im sozialen Bereich zum kollektiven Vorteil richten müsse.Zugleich war ihr Vertrauen in die Wirkungsmacht und die Aufrichtigkeit demokratisch legitimierter Politik bundesrepublikanischer Prägung schier grenzenlos - und sie wollten daran mitwirken.Nun sind sie enttäuscht, daß die Wirklichkeit mit der Fiktion oft nicht übereinstimmt.Deshalb, und aus einem tiefsitzenden Harmoniebedürfnis kommt bis auf den heutigen Tag die Hoffnung auf die konsensstiftende Allmacht runder Tische.All diese Gefühle bedient Reinhold Höppner noch fast idealtypischer als Manfred Stolpe.Die aus Bonn kommende Politik kann damit nicht umgehen, vielleicht, weil der Weg in den Osten von dort so weit ist.Aber sie wird es lernen müssen (und in Berlin vielleicht auch lernen können), wenn sie verhindern will, was sie verhindern muß - daß zukünftig unter einem gemeinsamen staatlichen Dach zwei wesensverschiedene Republiken nebeneinander leben.

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