Zeitung Heute : Deutschland kann Leitanbieter werden

ZSW-Vorstand und Forscher Werner Tillmetz gibt nur Strom- und Wasserstoffautos eine Zukunft.

Mein Haus, meine Tankstelle. Wie in der gestrigen Ausgabe berichtet, bezog die vierköpfige Familie Welke-Wiechers in Charlottenburg das durch das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) finanzierte „Effizienzhaus-Plus mit Elektromobilität“, das mehr Elektrizität regenerativ erzeugt, als es verbraucht. Pünktlich zum Einzug bekamen Bewohner des „Effizienzhaus-Plus mit Elektromobilität“ einen smart fortwo electric drive und eine Mercedes-Benz A-Klasse E-CELL überreicht. Foto: Promo Daimler
Mein Haus, meine Tankstelle. Wie in der gestrigen Ausgabe berichtet, bezog die vierköpfige Familie Welke-Wiechers...

Nach Planungen der Bundesregierung soll die Elektromobilität auch weiterhin Vorrang im Haushalt der Bundesrepublik erhalten: Rund 670 Millionen Euro sollen zur Verfügung stehen. Damit sollen auch die sogenannten Schaufensterprojekte in diesem Jahr voll finanziert werden. Wofür sollten die Mittel eingesetzt werden?

Die Schaufensterprojekte sind Teil der nationalen Plattformstrategie Elektromobilität. Die Kriterien dafür wurden von allen Akteuren gemeinschaftlich entwickelt. Dazu gehören beispielsweise die Sichtbarkeit und Akzeptanz von Elektrofahrzeugen und neue Geschäftsmodelle wie Car- Sharing oder die Auswirkung verschiedener Fördermaßnahmen zur Unterstützung der Markteinführung. Wenn die Elektromobilität im Alltag richtig verstanden ist, dann können wir auch sehr viel besser die technologisch notwendigen Stellschrauben für den Sprung nach vorne identifizieren. Heute bewerten wir gerne alles auf der Basis der Technologie der letzten 100 Jahre.

Welcher Autoantrieb ist auf die Zukunft gesehen der für Natur und Umwelt gesündeste, wenn die Aspekte nachhaltige Automobilproduktion und die Schaffung neuer Infrastrukturen in eine Aufwand/Ertragskalkulation – nicht finanziell gemeint – einbezogen werden?

Wir müssen uns zunächst die Frage stellen, welchen Treibstoff wir in Zukunft zur Verfügung haben. Nachdem die fossilen Kraftstoffe relativ schnell zur Neige gehen werden und damit keine Zukunft haben, bleiben nur Kraftstoffe auf Basis erneuerbarer Energien übrig. Und hier haben nur Strom (Batteriefahrzeuge) und Wasserstoff (Brennstoffzellenfahrzeuge) das Potenzial, die Automobilität der Zukunft zu ermöglichen. Da sich beide Technologien ergänzen – und nicht in Konkurrenz zueinander stehen – kann die Analyse nur in Bezug auf detaillierte Ausprägungen der jeweiligen Antriebstechnologien durchgeführt werden.

Deutschland kann auf dem Feld der Elektromobilität zwar nicht Leitmarkt werden. Wie kann es uns aber gelingen, Leitanbieter zu werden?

Nachdem Deutschland Automobilland ist und wir gleichzeitig eine hervorragende Qualifikation in den notwendigen Bereichen wie beispielsweise Elektrotechnik haben, sind sehr wesentliche Voraussetzungen gegeben, auch für die Elektromobilität Leitanbieter zu werden. Entscheidend wird allerdings, ob wir es schaffen, die Basistechnologien Batterie und Brennstoffzelle in Deutschland zu etablieren. Die notwendigen Kompetenzen dafür sind vorhanden. Leider ist die Erfolgsbilanz zu neuen Basistechnologien „Made in Germany“ in den letzten Jahrzehnten nicht sehr positiv.

Das Ziel der Bundesregierung ist es, bis 2020 eine Million Elektroautos auf deutsche Straßen zu bringen. Ist das machbar oder eine Illusion?

Das ist ehrgeizig, aber machbar. Die Markteinführung der meisten Fahrzeuge kommt erst in den nächsten zwei Jahren und erst danach wird man die Perspektive 2020 besser einschätzen können. Hinzu kommt eine spannende Vielfalt an Antriebstechnologien. Vom rein batterieelektrischen Antrieb über Plug-In-Hybride und Range-Extender bis zur Brennstoffzelle.

Durchschnittlich werden zur Zeit nur etwa 180 Elektromobile im Monat auf die deutschen Straßen gebracht und wegen der schlechten Kohlendioxid-Bilanz aus der gegenwärtigen Stromerzeugung werden sie bereits heftig kritisiert. Warum müssen wir das Elektroauto wieder neu erfinden?

Die Diskussion um die CO2-Bilanz der Elektrofahrzeuge ist ziemlich daneben. Jeder von uns kann sich heute für seinen Haushalt oder seine Firma mit Strom zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien versorgen. Warum soll ich dann nicht auch mein Auto mit 100% erneuerbarem Strom betanken können und dann bin ich bei null Prozent Emissionen. Übrigens: für eine Million Elektrofahrzeuge brauchen wir weniger als 2% des Stroms, den wir in Deutschland schon heute aus erneuerbaren Energien erzeugen

Es gibt die Überlegung, dass die Batterien von Elektroautos mit überschüssigem Ökostrom beladen werden könnten. Ist das nicht eine völlig realitätsferne Vorstellung, weil das ja eine weit verzweigte Infrastruktur voraussetzen würde?

Nachdem unsere Autos in der Regel 23 Stunden am Tag stehen, könnten sie in dieser Zeit auch am Netz angeschlossen sein – zu Hause oder am Arbeitsplatz ist das meist nicht schwierig. Ich sehe das Thema allerdings erst mittel- bis langfristig als relevant an. Und ein geeignetes Vergütungsmodell zu finden, wird nicht einfach sein.

Preiswertes Öl wird zur Mangelware. Damit werden nicht nur die automobilen Verkehre teuer. Die Handels- und touristische Logistik sind in gleichem Maße betroffen. Welche nachhaltigen Mobilitätskonzepte taugen für weltweite Verkehrsströme?

Das mit dem Öl wird zu einer riesigen Herausforderung für die Weltgemeinschaft und langfristig zu vielen strukturellen Veränderungen führen, so wie das billige Öl vor 100 Jahren zu vielen Veränderungen geführt hat. Die Änderungen werden sehr vielfältig sein. Vielleicht ein Beispiel: Ich kann mir Ferien auf der Mecklenburger Seenplatte mit einem elektrisch betriebenen Boot wunderbar vorstellen – ganz ohne Öl und sehr erholsam.

Werner Tillmetz war von 1991 bis 1997 innerhalb der Daimler-Benz-Forschung verantwortlicher Projektleiter für die Entwicklung der Brennstoffzelle. 2004 erhielt er den Ruf auf den Lehrstuhl Elektrochemische Energiespeicher und -wandler der Universität Ulm und wurde Vorstand des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoffforschung (ZSW). Das Interview führte Reinhart Bünger.

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