Zeitung Heute : Deutschland lernt

Die OECD hat ihren Bericht vorgestellt. Wie steht es um die Bildung hier zu Lande?

Tilmann Warnecke

Wofür ist dieser Bericht wichtig?

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat in der Studie „Bildung auf einen Blick“ untersucht, wie dynamisch sich die Bildungssysteme in ihren 30 Mitgliedsländern verändert haben. Dabei wurde gemessen, wie leistungsfähig Schulen und Hochschulen, die frühkindliche Erziehung und die Angebote zur Weiterbildung sind.

Worin unterscheidet die Studie „Bildung auf einen Blick“ sich von den Pisa-Studien?

Bei Pisa misst die OECD mit Tests die Schülerleistungen in Bereichen wie Lesen und Rechnen. Bei der jetzt vorgelegten Studie trägt die OECD dagegen statistische Daten wie die öffentlichen und privaten Ausgaben für Bildung, Abschlussquoten oder Unterrichtszeiten zusammen.

Wie stehen die Hochschulen da?

Die deutschen Universitäten können sich im internationalen Vergleich sehen lassen. Hinter den USA und Großbritannien belegen sie bei den beliebtesten Zielen für ausländische Studenten den dritten Platz. In kaum einem anderen Land ist der Anteil ausländischer Studenten so hoch wie in Deutschland. Gut schneiden die Unis auch bei den Leistungen von Nachwuchsforschern ab. Im Schnitt promovieren hier fast doppelt so viele Akademiker wie im OECD-Durchschnitt. Außerdem hat sich die Quote der Uni-Absolventen eines Jahrgangs zwischen 1998 und 2003 von 16 auf 19,5 Prozent erhöht. Besonders die Zahlen bei den lange eher gemiedenen Natur- und Ingenieurwissenschaften haben sich verbessert. Das liegt vor allem daran, dass mehr Frauen einen Uni-Abschluss erreichen. 1998 lag der Frauenanteil unter den Absolventen bei 43 Prozent, jetzt sind genau die Hälfte aller Abgänger Frauen. Die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge führen nach Ansicht der OECD dazu, dass sich diese Entwicklung in Zukunft verstärken wird. Die OECD kritisiert aber, es fließe zu wenig Geld in die Lehre an den Unis und damit in die Betreuung der Studenten. Ein Großteil der Zuschüsse werde noch immer allein für die Forschung verwendet.

Welche Verbesserungen werden empfohlen?

Deutschland müsste noch mehr Geld in die Bildung investieren und mehr Jugendlichen bessere und höhere Abschlüsse ermöglichen. „Andere Länder wachsen viel dynamischer“, sagt der OECD-Experte Andreas Schleicher. Deutschland investiert nur 4,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) in sein Bildungssystem. Das ist Platz 20 unter den OECD-Staaten. Die Spitzenreiter stecken dagegen bis zu sechs Prozent ihres BIP in den Bildungsbereich. Ausgerechnet bei den Jüngsten, also bei den Grundschülern, gibt Deutschland pro Kopf besonders wenig Geld aus. Die Studie sieht zudem einen starken Zusammenhang zwischen einer exzellenten Ausbildung und den Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Wer einen Hochschulabschluss – egal in welchem Fach – vorweisen könne, verdiene in Deutschland nicht nur besser, sondern werde auch deutlich seltener arbeitslos. In Zukunft müssten deswegen noch mehr Jugendliche ihr Abitur ablegen und dann an die Hochschulen gehen – zumal Deutschland auf Grund der demografischen Entwicklung ein Akademikermangel drohe.

Wo funktioniert Bildung?

Die OECD-Forscher loben die skandinavischen Länder, aber auch Korea oder Australien. Dort funktioniere das Bildungssystem inzwischen nach dem Motto: Mehr Masse mit mehr Klasse. Ein Beispiel ist Finnland. Dort stiegen die öffentlichen Ausgaben für die Schulen zwischen 1995 und 2002 um 24 Prozent (in Deutschland um 8 Prozent). Inzwischen nehmen in Finnland mehr als 70 Prozent der Abiturienten ein Studium auf; in Deutschland war es 2003 etwas mehr als ein Drittel.

Wird der Bericht in Zeiten leerer Kassen ernst genommen?

Schleicher lobt, dass Deutschland entscheidende Veränderungen in Angriff genommen habe. Trotz aller Kritik könne die OECD eine „Trendwende“ bei der Bildungspolitik in Deutschland feststellen. In den vergangenen fünf Jahren sei mehr geschehen „als in den 15 Jahren zuvor“, sagt Schleicher. Ob die öffentlichen Haushalte ihre Gelder für die Bildung tatsächlich so massiv aufstocken werden, wie es die OECD fordert, ließen aber sowohl Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) als auch Johanna Wanka (CDU), die brandenburgische Wissenschaftsministerin und Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, offen.

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