Zeitung Heute : Deutschland privat: Persönliche Homepages im Internet

Gesa Esterer

Wer noch nicht wissen sollte, was ein fieser Scheitel ist, sollte einmal auf der Homepage "fiese-scheitel.de" vorbeischauen. Dort sind "die wildesten, abgefahrensten, schönsten und außergewöhnlichsten Haarschnitte aus den 70ern, 80ern und allen anderen Jahrzehnten und Jahrhunderten" zu sehen. Auf dieser Website finden sich über 100 Fotos von Fußballern, Rockmusikern und anderen Promis mit bemerkenswert fiesen Frisuren. Mit dieser Art von Unterhaltung tüfteln sich Millionen von deutschen Privat-Homepage-Bastler durch ihren Netz-Alltag.

"Das ganze soll einfach nur Spaß machen und nicht tiefgründig sein", sagt Marcus, der Baumeister von "fiese-scheitel.de". Wöchentlich bastelt der 25-jährige Student der Kommunikationstechnologie aus Wuppertal drei bis vier Stunden an seiner Seite. Mosi, seine Mutter und sein Hündchen "Daisy" fehlen in der Sammlung ebenso wenig wie Frank Elstner, Howard Carpendale, Jürgen Möllemann, André Rieu sowie der Privatdetektiv Matula mit dem Fettscheitel. In der "Hall of Scheitel" ist die Creme versammelt. Kein Wunder, dass die Homepage täglich rund 600 mal aufgerufen wird, wie die Statistik für die "fiesesten Scheitel" zeigt. Seit dem ersten Auftritt im Internet im Juli 2000 hatte "fiese-scheitel.de" fast 103 000 Besucher. Die meisten sind Scheitelfans geworden. Die Seite von Marcus ist ein kleines Kunstwerk, unverwechselbar und von eigenwilliger Ästhetik.

Nicht jede private Homepage, die im Internet zu finden ist, hat den Charme des Scheitelfreaks. Die selbst gezimmerten Seiten können bei verschiedenen Website-Betreibern kostenlos ins Netz gestellt werden. Allein bei "allesklar.de" gibt es derzeit etwa 18 000, bei "berlin.de" etwa 3000 und bei "koeln.de" über 800 Einträge von Privatpersonen. Täglich kommen neue hinzu. "hamburg.de" verfügt ebenfalls über "Homepages", ist aber gegenwärtig wegen "Wartungsarbeiten" nicht erreichbar.

Der virtuelle Raum wird für viele zum Fotoalbum des Informationszeitalters. Brav und bieder platzieren die meisten Homepage-Bastler ihre Lieblingsfotos "aus Urlaub und Alltag". Holger beispielsweise, der in Rheinland-Pfalz zu Hause ist, gern Bergwandern geht und Tischtennis spielt, ließ sich auf Mallorca vor der Kathedrale im Palma ablichten. Zu bewundern ist vielfach auch das kleine Glück deutschen Lebens: Das Häuschen, das Gärtchen, der Gartenteich, der Grillplatz, die Ehefrau ("ist sie nicht toll?"), das Baby ("ist es nicht süß?") und die Haustiere. Katzen und vor allem Hunde. Einige Sites widmen sich ausschließlich der Haltung und Aufzucht von Rhodesian Ridgebacks, der neuen Modehunde.

Hermann-Josef bietet seinen Besuchern im Internet Weihnachts-, Geburtstag-, Kinder- und sonstige Lieder zum Runterladen an, sämtlich selbst gespielt. Von Günter aus Köln erfahren wir, dass er Postkarten und Modelleisenbahnen sammelt und mit einer Chinesin verheiratet ist, was ein schmuckes Hochzeitsfoto dokumentiert. Andreas kommt aus einem muffigen Dorf, wuchs in asozialen Verhältnissen auf und nutzt das Netz, um mit Vater, Mutter, Lehrern, Mitschülern und Nachbarn abzurechnen. Seitenlange Pamphlete dokumentieren Verqueres. Für den Besucher ist diese Seite ein Graus.

Thomas hingegen hat ein "Help-Forum für PC-Probleme" eingerichtet und steht mit Rat und Tat zur Seite. Auch Mike aus Köln ist hilfsbereit und gibt "Tips zum Erstellen einer Homepage". Der smarte und hübsche Gastronom Axel aus Leipzig serviert seinen virtuellen Gästen Cocktailrezepte sowie Hotelempfehlungen. "Mir haben schon viele Leute geschrieben, die eine Frage hatten. Es macht mir Spaß, weiterzuhelfen." Axel ist Gastgeber aus Leidenschaft, bescheiden, zurückhaltend, aber elegant.

Uwe konfrontiert uns mit der Hüftoperation seiner Ehefrau und zeigt nicht nur ein Foto von "Weihnachten im Krankenhaus", sondern auch die Röntgenbilder vor und nach dem Eingriff. Nett. Mal was ganz anderes. Luise aus Berlin nennt sich "Seidenfrau" und findet sich offenbar halbnackt am schönsten. Vielleicht meint sie, auf diesem Weg einen Typ zu ergattern. Wehe jedoch, wenn Marcus, dem Oberscheitel, ihre Frisur nicht gefällt. Vielleicht landet sie dann in seiner Sektion "Kultfrisuren". Angela Merkel kommt beim "fiese-scheitel.de"-Produzenten im übrigen ungeschoren davon.

Ähnlich witzig wie Marcus ist Kai, der mit "honnis-welt.de" beim Streifzug durch das Netz überrascht. Der 25-jährige Bankkaufmann wurde im "Tal der Ahnungslosen" geboren und kam nach dem Mauerfall 1990 zusammen mit seiner Mutter nach Bonn. Kai alias Honni erzählt ein Stück deutsche Geschichte. Dies macht er auf seinen schwarz-rot-gelben Seiten mit Honni-Logo auffallend gut. Warum er diesen Namen gewählt habe? "Da ich bei verschiedenen Games nicht meinen richtigen Namen eintragen wollte. Nicht zuletzt wegen Erich Honecker, dessen Rufname nun mal Honni war." "honnis-welt.de" bietet auch einen "Party-Guide" für Bonn, "News", "Comics" und etwas über die "Börse" an. Es macht Spaß, auf diesen skurrilen Seiten zu wandern. Höhepunkt seit Bestehen von "honnis-welt.de" war für den Bankkaufmann die Nominierung zum "Online-R@@b" im letzten November.

Besucher von "tvtotal.de" können wöchentlich für eine von drei privaten Homepages voten. Auch Marcus war mit seinen fiesen Scheiteln bereits im Rennen, bekam aber nicht genügend Stimmen für die Nominierung. Marcus und Kai gehören zu jenen, die jede Art der Selbstdarstellung im Cyberspace strikt ablehnen. Sie sind Bastler,Freaks, denen es Laune macht, das neue Medium für Schräges und Skurriles zu nutzen. Sie setzen Ideen um und brillieren mit ihrem Können. Websites wie die ihren sind aber die Ausnahme. Auch von den Hilfsbereiten, wie dem Gastronom, gibt es nicht allzu viele. Das meiste, was dem Besucher entgegen schwappt, ist hilflos, manchmal rührend. Wie die "Seidenfrau" gebrauchen etliche Frauen - aber auch manche Männer - die Homepage zur selbstverliebten Inszenierung der eigenen Person. Möglicherweise brauchen sie die narzißtische Spiegelung, um zu glauben, dass sie existent sind.

"Wer oder was ich eigentlich bin" nennt beispielsweise Daniel eine Sektion in seiner virtuellen Welt. Es scheint, er formuliert mit diesem Satz etwas, was Unzählige von sich selbst wissen möchten. Dabei ist der Drang, sich auf der Bühne der Websites auszustellen offensichtlich größer, als die Realisation der Peinlichkeit. "Wow, das ist ja ein Getümmel auf dieser Site-unglaublich!!!!!" läßt die 21-jährige Julia jeden wissen.

Die privaten Homepages sind der Mikrokosmos unserer Gesellschaft. Es gibt virtuell fast alles, was es in der wirklichen Welt auch gibt. Wie erfrischend ist es, jemandem wie Marcus zu begegnen. Er stöbert auf Flohmärkten, um uns mit dem "Goldenen Scheitel von Prag" oder Abbildungen aus dem Neckermann-Katalog von 1975 zu beglücken. "Einfach Zucker, dieser Scheitel".

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