Deutschland und seine Kinder : Jung, arm, Berlin

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Eigentlich ist es eine gute Nachricht, doch in ihr versteckt sich eine schlechte: In ganz Deutschland sinkt die Kinderarmut, auch in Berlin. Es müssen also immer weniger Kinder von Hartz IV leben. Doch während es in Bayern einen Rückgang um 22,1 Prozent gibt und im Bundesschnitt immerhin um 13,5 Prozent, liegt Berlin abgeschlagen bei nur 1,2 Prozent. Statt 148 944 Kindern, die im September 2006 von Sozialtransfers lebten, mussten fünf Jahre später immer noch 147 188 junge Hauptstädter damit auskommen. Bundesweit sind es 1,64 Millionen Kinder statt knapp 1,9 Millionen.

Warum steht Berlin so schlecht da? Da unter 15-Jährige meist mit ihren Eltern oder zumindest einem Elternteil leben, sagen die Zahlen vor allem etwas über die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt aus. „Wir haben hier in Berlin immer noch einen hohen Sockel an Langzeitarbeitslosen“, versucht die SPD-Sozialpolitikerin Ülker Radziwill eine Erklärung. Doch so ganz reicht diese nicht aus. Die Arbeitslosigkeit ist in Berlin zwar immer noch weit höher als bundesweit – sie liegt bei 13,3 Prozent. Vor fünf Jahren waren es aber 17,5 Prozent. Bundesweit sank die Arbeitslosenquote von 10,8 auf 7,1 Prozent. Die neuesten Zahlen will die Bundesagentur für Arbeit am kommenden Dienstag bekannt geben.

Auf all diese Zahlen gibt der Armutsforscher Christoph Butterwegge von der Uni Köln gar nichts. „In Wirklichkeit geht es vielen Kindern heute schlechter als 2006“, sagt er; die Arbeitslosenzahlen seien durch „statistische Taschenspielertricks“ geschönt. Aus der Statistik fielen alle heraus, die krank seien, die an einer Qualifizierung teilnähmen, auch alle Ein-Euro-Jobber und jeder 58-Jährige, der seit einem Jahr kein Jobangebot mehr bekommen habe. Zusammen seien das eine ganze Menge. Außerdem seien die Regelsätze für den Bezug des Arbeitslosengeldes II nicht erhöht worden, obwohl die Lebenshaltungskosten stark gestiegen sind.

In Berlin ruhen nun die Hoffnungen vieler auf der neuen großen Koalition. „Der entscheidende Schlüssel wird sein, diese Frage nicht nur von einer Senatsverwaltung bearbeiten zu lassen“, sagt zum Beispiel Peter Ruhenstroth-Bauer, noch bis März Vorsitzender des Berliner Familienbeirats. Die Maßnahmen müssten ineinandergreifen, da alles zusammenhänge. „Wenn neun Prozent der Schüler ohne Abschluss die Schule verlassen, so wirkt sich das auf deren Erwerbsaussichten direkt aus“, sagt Ruhenstroth-Bauer. So sieht es auch die Politik. Laut Koalitionsvertrag soll „ressortübergreifend“ vorgegangen werden. Nun muss es nur noch passieren. Fatina Keilani

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