Zeitung Heute : Deutschland zu Fuß

MARTIN HAGER

Berlin-München per Autobahn, ICE oder gar ICN ? Kaum jemand weiß, daß man den Weg auch zu Fuß zurücklegen kann.VON MARTIN HAGER

Dirk Brauns, Berlin-München.Zu Fuß.Quell Verlag, Stuttgart, 1997.135 Seiten mit sechs Abbildungen, 36 Mark. Die Strecke Berlin-München ist den meisten durch den miserablen Zustand der Autobahn bekannt.Mancher hat auch schon den Luxus von ICE oder gar ICN genossen.Kaum jemand weiß aber, daß man den Weg auch zu Fuß zurücklegen kann.Daß es möglich ist, hat der Berliner Dirk Brauns bewiesen.Um mit seinem Wissen nicht allein zu bleiben, hat er ein Buch darüber geschrieben mit dem so einfachen wie aussagekräftigen Titel Berlin-München.Zu Fuß. Dirk Brauns Erkenntnisse richten sich in erster Linie auf die Auswirkungen seiner besonderen Art der Fortbewegung: Es drückt der Schuh (17 Pflaster braucht er täglich!), es rinnt der Schweiß (bei Sonne) beziehungsweise das Wasser (bei Regen) über sein Gesicht.Ein Zelt hat er auch dabei, studiert jedoch vorzugsweise dörfliche Pensionen, was nicht besonders rühmliche Ergebnisse bringt in Hinblick auf die Freundlichkeit des ländlichen Gastronomiepersonals.Immerhin ist der Ruhetag meist nicht bindend.Wenn Brauns die Wirtsleute antrifft, bevor er von ihrem Hund zerfleischt wird, nehmen sie ihn auch auf. Ansonsten verläuft die Reise recht ereignislos und eher einsam.Das aber hat den Vorteil, daß der Autor auf seine stilistischen und assoziativen Fähigkeiten zurückgreifen muß, um Leseinteresse zu wecken, weil inhaltlich eben nicht viel zu holen ist: "Ein unbewachter Ort, so scheint es, ruft den brandenburgischen Müll-Mann auf den Plan, unweigerlich, man kann darauf warten, einen jener initiativreichen Selbstentsorger, die heimlich ihre Werke über der Welt verteilen." Viel über die Lage der Nation erfährt der Leser allerdings nicht, eher über die Gefühlslage des Autors.Anna wohnt in Rußland, was weit, weit weg ist, und der Besuch des Ortes Annarode schafft keine Abhilfe - zumal dessen Einwohner bei der Suche nach Unterkunft nicht gerade vor Hilfsbereitschaft strotzen.Auch ansonsten ist seine Gemütslage ob des anstrengenden Fußmarsches nicht die beste.Es ist ohnehin eine so auffällige wie verwunderliche Eigenschaft fast aller Reiseberichte, daß ihre Autoren sich ständig über die Beschwernisse unterwegs aufregen.Man fragt sich jedesmal, warum sie sich ihnen freiwillig unterziehen. Dafür betreibt Brauns zwischendurch ein wenig "oral history".Er besucht drei Leute und läßt sie ihre Lebensgeschichten erzählen: einen 82jährigen von seiner Arbeit als Melker im Berlin der 20er und 30er Jahre, eine 75jährige von ihrer Kriegsgefangenschaft in Rußland und eine 78jährige von ihrer Spionagetätigkeit für den BND in der DDR der 50er und 60er Jahre. Was dem aktuellen deutsch-deutschen Einheitsbrei an Prägnanz fehlt, das bieten diese Geschichten aus der Vergangenheit um so eindrucksvoller.Die Sympathien des Autors gelten der Gegenwart nicht.Ein lesenswertes Buch.

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