Zeitung Heute : Deutschlandbilder - ein nötiger Streit

BERNHARD SCHULZ

Kunst für öffentliche Gebäude auszuwählen, ist ein heikles Unterfangen; um wieviel mehr, wenn es sich um den Sitz der Volksvertretung handelt und damit um das wichtigste Gehäuse unseres GemeinwesensVON BERNHARD SCHULZUnd um wieviel mehr auch, seit die Auffassungen über Kunst und deren Qualität in unserer Gesellschaft so heillos auseinandergelaufen sind, daß der Versuch, sie auch nur für den Einzelfall der Reichstagsausschmückung wieder zusammenzuführen kaum ohne Streit und Enttäuschungen gelingen kann. Es kommt hinzu, daß die beiden Staaten, in die Deutschland ein halbes Jahrhundert lang geteilt war, nicht zuletzt in ihren ästhetischen Maßstäben weit voneinander entfernt waren, der Sitz der Volksvertretung des wiedervereinten Landes aber ein künstlerisches Identifikationsangebot für das Ganze machen muß.Wie nun vereinen, was nie zusammengehörte - und bis heute nicht recht zueinander will? Westkunst gegen Ostkunst, so heißt - auf einen schlichten Nenner gebracht - die Konfrontation.Es ist dies eine Polarisierung, die der Nachkriegs-Front von abbildender und gegenstandsloser Kunst an Schärfe nicht nachsteht.Die Kunstberater, die der Bundestag und seine Präsidentin engagiert haben, sollten die Quadratur des Kreises bewerkstelligen: zum einen ästhetisch akzeptable Entscheidungen treffen, ohne sich doch auf einen nationalen Konsens in Kunstdingen berufen zu können, zum anderen west-östliche Ausgewogenheit jedenfalls nicht gänzlich außer Acht lassen.Das Ergebnis fiel enttäuschend aus.Für den Reichstag als wichtigstem der Bundestags-Gebäude wurden Deutschlandbilder erhofft und statt dessen Westkünstler erwählt.Richter und Polke, Baselitz und Uecker sind die Protagonisten, denen die eindrucksvollsten Wände reserviert werden.Sie werden das Bild prägen, das sich die Öffentlichkeit von "der" deutschen Kunst am Ende des Jahrhunderts machen wird.Die DDR-geprägte Kunstlandschaft findet daran offenbar keinen Anteil.Sie gilt den Kommissaren bestenfalls als Staatskunst, wo nicht als künstlerisch unbedeutend. Jetzt aber eskaliert der Streit.Der Leipziger Bernhard Heisig wurde nachnominiert, um der Forderung nach Vertretung der im Osten gewachsenen Kunst nachzukommen.Doch Heisig ist umstritten.Der Vorwurf der angeblichen Stasi-Verstrickung zielt daneben, weil es nicht darum geht, einen Künstler zum verfassungstreuen Beamten zu ernennen, sondern ein Gemälde von Heisigs Hand in den Reichstag zu hängen.Es bleibt der durch DDR-"National-" und andere Preise erwiesene Makel des Staatskünstlers. Nun ist unbestreitbar, daß erfolgreiche Künstler des Realsozialismus in einem gewissen Maße immer Staatskünstler sein mußten.Es gab keinen anderen Auftraggeber als den Staat in den vielfältigen Verästelungen seiner "gesellschaftlichen Einrichtungen".Und natürlich hatte in der DDR Kunst keinen öffentlichen Platz, die sich erkennbar gegen die Ideologie der SED richtete.So weit, so bekannt; wobei übrigens die Frage nach dem künstlerischen Wert mit dem Hinweis auf die unvermeidliche Staatsnähe nicht beantwortet ist.Das umgebaute Reichstagsgebäude aber ist nicht der Ort für einsame Kunsturteile, sondern der öffentliche Raum schlechthin.Was in ihm als künstlerische Ausgestaltung Platz findet, muß die jüngste Vergangenheit insoweit spiegeln, als auch der unkundige Besucher daraus entnehmen muß, daß zwei Deutschlands das eine gebildet haben, das sich jetzt - und nur dieser Vereinigung wegen - im Volkshaus an der Spree repräsentiert. "Die" deutsche Kunst ist nicht auf den westdeutschen Kunstmärkten entstanden, sondern hat vielfältige Fährten aufgenommen, weiterentwickelt oder auch fallengelassen, die nach der braunen Diktatur noch zu finden waren, sie hat sich dabei den Luxus der Staats- und Gesellschaftsferne im Westen leisten dürfen und im Osten nicht, sie hat ästhetische Leistungen hervorgebracht, die dem Wandel des historischen Urteils stärker anheimgegeben sind, als es den Hütern stabiler Preisnotierungen behagt, wie umgekehrt auch die Faszination gesellschaftspolitischer Themen eine höchst endliche sein mag.Kurzum: die Auswahl der Kunst für den Reichstag kann nur eine vorläufige sein, aber keinesfalls eine ideologisch verengte.Sie darf den Graben zwischen Westkunst und Ostkunst nicht leugnen, sondern muß ihn zur Anschauung bringen - einen Graben, den erst eine künftige deutsche Kunst nicht mehr kennen wird.

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