Zeitung Heute : Deutschlandhoch

Wie kreditwürdig ist das Land? Die Antwort kommt aus Frankfurt. Und sie ist verblüffend

Kerstin Decker[Frankfurt a. M.]

Es gibt Menschen, denen möchte man an bestimmten Orten einfach nicht begegnen. Es ist unpassend. Und dann das.

In der Neuen Mainzer Straße in Frankfurt, in der Gegend, wo die Banken sind, steht auch der Turm der Helaba. Helaba heißt Landesbank Hessen-Thüringen, die kennt vielleicht nicht jeder, aber von ganz oben kann man fast auf all die anderen Banken, die jeder kennt, hinuntergucken. Die werden von hier aus glatt zu Unterbanken. In der 27. Etage sitzt die Agentur Standard & Poor’s Ratings Services. Im Gegensatz zur Helaba ist Standard & Poor’s weltbekannt und gilt als führender Anbieter von unabhängigen Bonitätsratings, Indices, Risikobewertungen und immer so weiter. Kurz gesagt, niemand weiß besser als Standard & Poor’s, wer pleite ist und wer nicht. Wer Kredit kriegt und wer nicht. Weltweit. Jetzt gleich wollen Standard & Poor’s oben in der 27. Etage sagen, wie das mit Deutschland aussieht. Und da, auf dem Weg zum Fahrstuhl – in der 24. Etage umsteigen! – rennt man fast direkt hinein in einen dicken glatzköpfigen Mann. Theodor W. Adorno! Der berühmte Frankfurter Kapitalismus-Kritiker. Was macht der denn in einem Bank-Haus?

Adorno hat gesagt, dass sogar die moderne westliche demokratische Gesellschaft ein großer Verblendungszusammenhang ist, weshalb der Einzelne und die Welt dem Schicksal noch ebenso blind ausgeliefert sind wie zur Zeit des mythischen, vorrationalen Bewusstseins. Und schuld an allem ist der Verwertungszusammenhang des Kapitals, dessen Agenten die Banken sind. Adorno befindet sich genau in der Mitte eines riesigen, bemerkenswert lebensechten Wandmosaiks, gelegt aus 1,9 Millionen Glassteinen. Jeden Morgen müssen all die Banker und Analysten, auch die von Standard & Poor’s, also an Adorno vorbei, der sie mit traurigen großen Bernhardineraugen röntgt.

In der 27. Etage liegt den Analysten wie im wirklichen Leben die Welt zu Füßen. Die Gesichter und die Anzüge der Anwesenden sind ungefähr so bedeckt wie der Himmel über Frankfurt. Irgendein Mischton zwischen Steingrau und Mausgrau. Aber was sie sagen, ist ganz anders. Das klingt fast wie die Ankündigung eines neuen Deutschlandhochs.

Der Deutschland-Geschäftsführer von Standard & Poor’s spricht über die „Kreditwürdigkeit der Banken“. Torsten Hinrichs sagt zwar, dass sich „die Kreditwürdigkeit der Banken“ in diesem Jahr ganz erfreulich verbessert hat, aber für jemanden, der noch nie darüber nachgedacht hat, dass auch die Banken erst Kredite bekommen müssen, ist das eine irgendwie aussichtslose Nachricht. Fast wie Adornos Verblendungszusammenhang. Was, wenn einst nicht mal die Banken mehr Kredite bekommen? Immerhin, sie kriegen also wieder mehr.

Banken und Versicherer bekommen mehr Geld, weil sie die „Kostenkontrolle“ besser im Griff haben. Man mag jetzt nicht darüber nachdenken, ob das nur ein Synonym für Entlassungen bei gleichzeitigen Rekordgewinnen ist wie bei der Deutschen Bank.

Vielleicht auch nicht, denn Standard & Poor’s, die Kreditwürdigkeitsbeurteilungsagentur, wächst schließlich auch. 13 neue Analysten dieses Jahr in Frankfurt, und „die apportieren an mich“, schließt Hinrichs. Oder meinte er „rapportieren“? Die Frankfurter Filiale wächst sogar schneller als die in London. Das ist, steht in Hinrichs Miene, durchaus ein Zeichen. Jean-Michel Six deutet das Zeichen. Six ist der europäische Chefvolkswirt von Standard & Poor’s und besitzt ungefähr die gleiche kompakte Statur wie Adorno unten auf dem Wandmosaik, die gleiche Glatze und den gleichen einsam hellen Anzug. Six ist Franzose, erklärt aber in paris-fernstem Ost-West-Gesamtküsten-Englisch, wie beeindruckend die deutsche Exportbilanz zuletzt gewachsen sei. Frankreich und Italien dagegen! Six sagt es ungerührt. Sein Patriotismus scheint in der Makellosigkeit seines Englisch gleich mit untergegangen zu sein.

Bei einem Deutschen wäre das nicht weiter auffällig, aber bei einem Franzosen ist es immer noch seltsam. Die deutsche Wirtschaft gewinnt immer mehr von der Kraft zurück, die sie in den 90er Jahren einbüßte, prognostiziert Six mit einem langen Blick in das Grau über Frankfurt. Da draußen ist kein heller Schimmer, umso stärker das Fazit von Six. Er erwartet in Deutschland in den nächsten 18 Monaten das am schnellsten steigende Investitionswachstum in der Eurozone.

Aber noch immer hat keiner etwas über Deutschlands Kreditwürdigkeit gesagt.

Früher hatte Deutschland mal das „AAA“. Kreditwürdiger ging es gar nicht.

Ein sehr junger Mann tritt nun nach vorn, direkt neben den Tagungsraum-Riesen-Kaktus. Moritz Kraemer, Leiter Sovereign Ratings in Europa. Vielleicht soll er als Jüngster die schlechte Nachricht überbringen. Der Kaktus sieht genauso aus wie die Frankfurter Bankentürme, schmal und enorm hoch. Aber im Gegensatz zu diesen mit gut sichtbaren Stacheln. Da spricht Kraemer die drei A aus.

Das ist, immer noch, das höchste Rating. Dann stimmt es also doch nicht, fragt ein Journalist, was kürzlich eine nicht näher zu nennende Politikerin äußerte: Dieses Land ist pleite!

Kraemer schaut mit seiner ganzen Jugend, die ihm den Ausdruck einer gewissen Naivität verleiht, irritiert auf den Fragesteller. Natürlich nicht, antwortet er dann. Es habe sich wohl mehr um eine Metapher gehandelt. Obwohl – nach Haushaltsdefizit und Schuldenquote gemessen am Bruttoinlandsprodukt – Deutschland das Schlusslicht unter den europäischen AAA-Ländern sei. Und wenn wir so weiter machen wie bisher, haben wir im Jahre 2050 eine Schuldenquote von 220 Prozent. Das wäre dann ein Rating wie bei Griechenland oder Ungarn. AAA, und dass das Land da bleibt, habe natürlich seine Bedingungen. Diese Bedingungen stehen täglich in den Zeitungen. Immerhin, sagt Kraemer ermutigend, habe die Gesellschaft Hartz IV doch „relativ geräuschlos verdaut“.

Die Triple-A-Getrösteten verlassen zuversichtlich die Neue Mainzer Straße 52. Adorno, Horkheimer, Anne Frank und die anderen vom Wandfries schauen seltsam ungerührt hinterher. Erst jetzt bemerke ich, dass auch sie das Haus zu verlassen scheinen, ebenfalls vollkommen geräuschlos. Auf ihren 1,9 Millionen Glassteinen gehen sie eine große Treppe hinunter. Ein gespenstischer Zug nach draußen.

Vom Dreifach-A sind es noch über 20 Stufen bis zur untersten Kreditwürdigkeitsebene. D bedeutet schon akute Zahlungsstörung.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben