Zeitung Heute : Diagnose per Datenleitung
20.11.2006 00:00 UhrWer krank ist geht eigentlich zum Arzt. Doch das Internet und moderne Datentechnik ermöglichen es, chronisch Erkrankte oder Risikopatienten auch aus der Ferne zu überwachen und die Befunde mit Experten in anderen Ländern zu diskutieren. Diesen jungen Zweig der Medizintechnik bezeichnet man als Telemedizin. Die Charité wird Mitte kommenden Jahres das modernste Telemedizinzentrum Deutschlands errichten, sie hat eine Ausschreibung des Bundeswirtschaftsministeriums gewonnen. Das Projekt ist 12 Millionen Euro schwer.
„Künftig werden wir Herzpatienten per Datenleitung zu Hause überwachen“, sagt Friedrich Köhler, Oberarzt in der Kardiologie auf dem Charité-Campus in Berlin-Mitte.
„Das ist für Kleinkinder in Estland ebenso wichtig wie für ein Flächenland wie Brandenburg, in dem es immer weniger Kardiologen gibt.“ Derzeit arbeiten im Berliner Umland nur noch 14 Kardiologen, auch die Zahl der Landärzte schrumpft. Einige Regionen sind von regelmäßiger Versorgung fast abgekoppelt.
Um Patienten mit riskanten Erkrankungen am Herzen aus der Ferne zu überwachen, wird beispielsweise der Herzrhythmus gemessen. Ein spezieller Recorder meldet die EKG-Daten per Telefon rund um die Uhr an die Ärzte in der Charité. Patienten mit chronischer Herzschwäche werden ihre Werte in das neue Telemedizinzentrum senden, ohne selbst vorstellig zu werden. Völlig neue medizinische Messgeräte, etwa T-Shirts mit integrierten Sensoren für EKG, kommen zum Einsatz. Bei Bedarf schalten sich die Ärzte per Videokonferenz über den Fernseher ins Wohnzimmer ihrer Patienten.
Welche Bedeutung die Telemedizin erreichen kann, zeigt ein Projekt zwischen der Charité und dem Herzzentrum im estnischen Tartu, 1200 Kilometer von Berlin entfernt. „Um gemeinsam mit den estnischen Kollegen die Säuglingssterblichkeit durch angeborene Herzfehler zu senken, haben wir die Befunde und die chirurgischen Eingriffe per Datenleitung telemedizinisch koordiniert“, erläutert Köhler. „Das Projekt startete im Jahr 2000. Mittlerweile konnten wir die Sterblichkeit um 28 Prozent senken.“ 96 Herzfehler sind bei Säuglingen bekannt, vier Fünftel davon gelten als relativ gut beherrschbar. In Estland werden jedes Jahr rund 100 Kinder mit Herzfehlern geboren. Zwanzig Prozent sind seltene oder komplizierte Fälle, die oft zum Tod führen.
Bis 2003 wurde die deutsch-estnische „Partnerschaft für das Herz“ vom Bundesgesundheitsministerium finanziert. Seit 2003 kommt das Geld von der estnischen Regierung, aus den Taschen zahlreicher Privatleute und von Sponsoren.








