Zeitung Heute : Dichter machen

Schriftsteller als Lehrberuf: An der Leipziger Uni sollen Studenten lernen, wie man Literatur produziert. Kann das funktionieren?

Verena Mayer[Leipzig]

Sein erstes Gedicht lässt nicht unbedingt erahnen, dass Saša Stanišik einmal vom Schreiben würde leben können. Das Gedicht handelt von einer Tante, die ihren Papagei küsst, worauf der Papagei stirbt. Das war 1994. Zwölf Jahre später liest Stanišik wie schon so oft aus seinem ersten Roman, diesmal im Haus des Buches in Leipzig. Der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt, der Moderator zählt erst einmal auf, was man über Stanišik wissen muss: Publikumspreis beim Ingeborg- Bachmann-Wettbewerb 2005, in der Endauswahl für den Deutschen Buchpreis 2006, übersetzt in 13 Sprachen.

Saša Stanišik, 28 Jahre alt und in Bosnien-Herzegowina geboren, ist einer der erfolgreichsten Jungautoren der Saison. Sein Roman heißt „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ und handelt von Stanišiks Kindheit in Bosnien. Von schrulligen Opas und Onkeln, aber auch vom Krieg und einer abenteuerlichen Flucht nach Deutschland. Und davon, dass Stanišik noch nicht einmal das „ß“ kannte, als er mit 14 Jahren in Heidelberg ankam, in einem Haus, in dem auf zwei Stockwerken 25 bosnische Flüchtlinge zusammengepfercht lebten.

Stanišik sitzt in einem Leipziger Café und hackt auf seinen Laptop ein. Er hat dunkle Knopfaugen und diese Art von jungenhafter Liebenswürdigkeit, bei der man nie weiß, ob sie Charme ist oder Schalk. Er liest vor, was er geschrieben hat: ein Gedicht nach dem Rhythmus von „Jingle Bells“. Es ist für den Vater, damit der es bei einem firmeninternen Gedichtwettbewerb einreichen kann. Stanišiks Eltern sind 1998 nach Amerika ausgewandert, weil sie abgeschoben werden sollten. Saša Stanišik lebt in Leipzig. Hier studiert er seit 2004 am Deutschen Literaturinstitut, und es ist ihm wichtig, dies immer wieder zu erwähnen. Als Fixpunkt seiner Biografie. Und dass er ohne das Institut niemals seinen Roman hätte schreiben können.

Das Deutsche Literaturinstitut befindet sich in einer alten Villa. Zu DDR-Zeiten wohnten hier die Gäste der Volkspolizei, seit 1995 wird „Literarisches Schreiben“ unterrichtet, ein Studiengang der Uni Leipzig. Um die Ecke ist das Bundesverwaltungsgericht, wenige Häuser weiter das amerikanische Konsulat. Es ist eine stille, geschützte Gegend, das Institut selbst hat etwas von einem Märchenschloss. Verwinkelte Treppen, ein Saal mit einem Flügel. 20 von 600 Bewerbern schaffen es jedes Jahr hierher. Sie können sich der Aufmerksamkeit von Lektoren, Agenten und Kritikern gewiss sein, der Betrieb verfolgt sehr genau, was in Leipzig passiert. In Glasvitrinen stehen die Bücher der Studenten. „Särge“ werden die Schaukästen genannt, man liest bekannte Namen: Juli Zeh, Tobias Hülswitt, Ricarda Junge, Clemens Meyer, Kristof Magnusson. Die Chefs, die Schriftsteller Josef Haslinger und Hans-Ulrich Treichel, haben ein Buch über das Institut geschrieben. Es heißt: „Wie werde ich ein verdammt guter Schriftsteller?“ Ja, wie eigentlich?

Durch Lesen, sagt der Student Benjamin Lauterbach. Und dadurch, dass man von anderen gelesen wird. Im Seminar wird an diesem Wintervormittag eine Kurzgeschichte von ihm besprochen. Das Seminar hat das Motto „Ich sagen“, Dozentin ist die Schriftstellerin Ulrike Draesner. Ihre Agentin habe sie auf das Thema gebracht habe, erzählt Draesner. Die habe sich beschwert, dass sie ständig schlechte Manuskripte in der Ich-Form bekomme.

Die Studenten haben kopierte Zettel vor sich liegen, Lauterbachs Text. Es geht um einen Mann, der Anfang der 40er Jahre als „Halbjude“ erst aus der Wehrmacht und dann aus Breslau gejagt wird. Der Text ist im Protokollstil verfasst: „In New York bezogen wir ein Zwei-Zimmer-Apartment im Deutschen Viertel unweit des Central Parks. Wir hatten jüdische Kaufleute aus Düsseldorf als Nachbarn, die bereits 1935 ausgereist waren und sich weigerten, mit uns Deutsch zu sprechen.“ Er habe das als Rechenschaftsbericht angelegt, sagt Lauterbach, angelehnt an die Tagebücher seines Vaters. Der war bis zu seiner Vertreibung so überzeugter Soldat gewesen, dass die Wehrmachtsmütze, für jeden sichtbar, direkt neben der Eingangstür liegen musste.

Die Geschichte kommt bei den Studienkollegen nicht gut an. Urteile wie „unkonkret“ oder „funktioniert nicht“ prasseln auf Lauterbach ein. Dass die Geschichte „keinen tiefen Raum, keinen Sound“ habe. Obwohl das Schlimmste gar nicht die seien, die einen kritisieren, sagt Lauterbach, als er danach mit rotem Kopf und ziemlich geknickt neben Saša Stanišik im Café sitzt. Selbst von Verrissen könne man schließlich lernen. Das Schlimmste seien die, die gar nichts sagen.

Lauterbach, 31, rötliches Haar, helle Haut, strahlt eine Mischung aus Selbstsicherheit und Unsicherheit aus. „Ich habe alles ausprobiert, was mit Ausdrucksformen zusammenhängt, Musik, Malerei, am Ende ist das übrig geblieben.“ 2000 hat er sich bereits am Institut beworben, damals wurde er abgelehnt. Er ist zum Fernsehen gegangen, hat über das Wetter berichtet, eines Tages hat er noch ein Romanfragment nach Leipzig geschickt. In einer Art Trotzaktion, ohne Anschreiben und ohne „Sehr geehrte Damen und Herren“. Er wurde schließlich angenommen. „Schreibzwang“ sei es, was ihn antreibe.

Saša Stanišik sitzt noch immer vor seinem Computer. Er bloggt, schreibt E-Mails und arbeitet an einer Kurzgeschichte über Bosnien. Er sieht kurz auf und fragt Lauterbach, wie man am besten einen muslimischen Grabstein beschreibe. Wenn Stanišik spricht, hört man noch den Akzent. Er ist in Višegrad aufgewachsen, 1992 schlugen die ersten Granaten in den nahe gelegenen Bergen ein. Den Tag verbrachte Stanišik im Keller seines Elternhauses, nachts ging er hoch zum Schlafen. Deutsch sei für ihn die Sprache des Erwachsenwerdens geworden, sagt Stanišik. In Heidelberg hat er einem Lehrer die ersten Gedichte gegeben, die er auf Deutsch geschrieben hatte. Der Lehrer war begeistert, er zeigte sie den anderen Schülern. Für ihn, der mit nichts als einer Jeans und einem alten Pullover in ein fremdes Land gekommen war, ein Triumph, sagt Stanišik.

Stanišik wollte erst eine akademische Laufbahn einschlagen, doch eigentlich interessierte ihn nur ein Thema: Bosnien und seine Zeit als Kind. In Leipzig hat er wie besessen an seinem Roman gearbeitet. Hat Kollegen immer und immer wieder um Rat gefragt, gekürzt, umgeschrieben. Am meisten hätten ihm die „Besprechungen“ geholfen, wie sie am Institut zur Textkritik sagen. „Man lernt, mit sich selbst ins Gericht zu gehen. Und irgendwann verliert man die Hemmungen, in den eigenen Text reinzuhauen.“

Kann man schreiben lernen? Josef Haslinger, einer der beiden Institutsvorstände, hasst diese Frage. „Sagen wir so: Man kann Blicke für literarische Strukturen einüben.“ Haslinger sitzt in seinem verrauchten Büro und hat einen Becher mit der Aufschrift „Meinl Kaffee“ vor sich stehen, ein Andenken an Wien. Haslinger ist Österreicher, sein bekanntester Roman heißt „Opernball“. Ohne Talent gehe natürlich gar nichts, sagt Haslinger, aber gewisse Dinge könne man schon lernen. Wie man eine Kurzgeschichte baut oder Perspektive und Zeit einsetzt. Es gehe um „intensive literarische Erfahrungen“. An der Wand neben Haslingers Büro hängt eine Liste der Bücher, die man zu Studienbeginn gelesen haben muss. Die Bibel, die Odyssee, das Nibelungenlied, die Göttliche Komödie. Kleist, Goethe, Joyce, Brecht. Und alles von Thomas Mann.

Anders als Schauspielschulen oder Kunstakademien sind Literaturinstitute in Deutschland nicht besonders gut angeschrieben. Creative Writing hat in Deutschland keine Tradition, und das deutsche Feuilleton bringt Literatur ungern mit Werkstattseminaren in Verbindung. „Institutsprosa“ sei es, was da entstehe, lautet der gängige Vorwurf, viel Handwerk, wenig Relevanz. „So wie das Berufspolitikertum irgendwann der Tod der Politik ist, wird das Berufsliteratentum der Tod der Literatur sein“, schrieb etwa die „Welt“. Und über die angehenden Autoren: „Sie können erzählen, wissen aber eigentlich nicht, was. Sie riskieren nichts, schreiben ungefährdete, ordentlich geschnittene Literatur. Eine, die nach Putzmitteln riecht und nach Staub, Schweiß und Tafelkreide.“

Die Studenten lassen das nicht auf sich sitzen. Natürlich gebe es die, die erst Sätze schreiben wie: „Seine Nase ist wie ein Kriegerdenkmal“, und nach drei Jahren nur mehr: „Seine Nase ist groß“. Aber zu einer Einheitsschreibe gezwungen oder gar gebrochen werde man bestimmt nicht, sagt Nadja Küchenmeister. Sie ist eine schüchterne junge Frau mit langen blonden Haaren und sehr hellen Wimpern, die ungern über sich spricht. Wenn sie etwas über ihre Texte sagt, dann meistens: „War nicht gut.“ Ihre Bewerbung für Leipzig, die Geschichte über die Frau, die mit ihrem Freund zu seiner Mutter fährt – „war nicht gut“. Das, was sie auf Einladung im Literarischen Colloquium in Berlin gelesen hat – „war nicht gut“.

Sie ist 25 Jahre alt und in Pankow aufgewachsen, die Mutter war Journalistin, arbeitet seit der Wende aber als Trauerrednerin. Nadja Küchenmeister selbst hat Germanistik studiert, aber das war ihr zu wenig. „Schreiben war für mich immer ein natürlicher Prozess.“ Ob sie sich inzwischen als Schriftstellerin fühle? Küchenmeister zuckt mit den Schultern. „Am Anfang sagt man, man ist Student, dann sagt man, man schreibt. Schriftsteller zu sagen ist schwer. Schließlich sagt man von Thomas Mann, er ist Schriftsteller.“

Seit sieben Semestern studiert Nadja Küchenmeister am Institut, zu lange, sagt sie. Irgendwann wisse man, was die Leute erwarten. Dann könne man nicht mehr viel lernen. Schreiben will sie trotzdem zu ihrem Beruf machen. Noch muss sie in einer Anwaltskanzlei putzen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Im Institut steht Theorie auf dem Programm, Schiller, der deutsche Idealismus. Das Seminar hält Jens Groß, Dramaturg in Frankfurt. Er trägt schwarze Lederjacke über dem Kapuzenpulli und gehört zu den Leuten, die gerne Wörter wie „politisch“ oder „Auseinandersetzung“ verwenden. Er versucht, die Studenten mit Fragen wie „Ist Kunst sinnlos?“ aufzurütteln, später dreht er sich in der Bibliothek eine Zigarette und beklagt sich ein bisschen, dass es den Autoren von heute an „Haltung“ fehle. Es würden zu viele „Befindlichkeitstexte“ geschrieben, über Freunde, Beziehungen, die Familie. „Das, was man entpolitisiert nennen würde.“ Aber wahrscheinlich ist es am Literaturinstitut einfach wie überall in der Kunst. Es gibt Strömungen und Moden. Vor allem jedoch gibt es Begabte und Unbegabte. Welche, die sich quälen, und welche, die sich weniger quälen.

Saša Stanišik ist inzwischen Stadtschreiber in Graz. Er ist vielbeschäftigt, gerade arbeitet er an einem Theaterstück über das Altern. Er gehört zu den vehementesten Verteidigern des Literaturinstituts, Stanišik sagt Sätze wie: „Zu Hause ist dort, wo man am meisten Glück empfindet. Das ist für mich das Institut.“

Nadja Küchenmeister ist des Instituts hingegen ein wenig müde. Sie will zwar ihre Diplomarbeit machen, an einem 80-seitigen Romanauszug arbeiten, aber zum Institutsbetrieb möchte sie künftig Distanz halten und lieber selbstständig arbeiten. Und Benjamin Lauterbach wird das machen, was so viele Schriftsteller vor ihm getan haben und bis in alle Zeiten tun werden: seinen Text umschreiben.

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