Zeitung Heute : Dichtung macht Geschichte

CHRISTOPH FUNKE

Eine historische Revue 1914 - 1945: "Benn - Becher, Doppelleben deutsch" im bat-StudiotheaterCHRISTOPH FUNKE Auf eine "Insel glückseliger Menschheit" träumte sich der deutsche Dichter Johannes R.Becher.Dagegen brachte ein anderer deutscher Dichter, Gottfried Benn, die Verachtung des Menschen auf die griffige Formel: "Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch".Beide Poeten lebten fast zeitgleich - Benn von 1886 bis 1956, Becher von 1891 bis 1958.Nahe in ihren lyrischen Anfängen, den Entladungen und Formzertrümmerungen des Expressionismus, gingen sie später getrennte Wege - und hatten doch ein in äußerster Unterschiedlichkeit verwandtes Schicksal.Becher emigrierte nach dem Beginn der Naziherrschaft in die Sowjetunion, Benn schloß sich hymnisch den Nazis an.Die Gefangenschaft durch Ideologie durchbrach Benn aber schon nach einem Jahr, er ging als Militärarzt in eine "innere Emigration".Für Becher dauerte sie lebenslang, auch wenn er 1945, aus dem Sowjetreich heimkehrend, noch der Überlegene zu sein schien. Diesem "Doppelleben" (so Benns Autobiographie von 1950) spürt ein ehrgeiziges Unternehmen im bat-Studiotheater nach.Hannes Hametner und Marc Pommerening, Regiestudenten der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch", mustern die Zeit von 1914 bis 1945 aus der Sicht und durch das Werk von Benn und Becher.Pommerening hat dazu einen Text verfaßt, der die so kraß divergierenden poetischen und gedanklichen Bemühungen der Dichter als Material für ein Stationenstück nutzt.Er läßt die Antipoden fast zu Freunden, zu Verbündeten werden: Benn und Becher spielen im Dialog miteinander Geschichte durch, als Entertainer, und sind dabei vor allem Suchende, im Triumph und in der Niederlage.Ihnen gegenüber steht der vielgestaltige "Chor der Berliner Frauen", der sich den Geschehnissen anpaßt, fragt, warnt, provoziert und verführt.Auch Mephisto ist da, in zweierlei Gestalt, als Teufel des Faschismus und uniformierter Vollstrecker des Stalinismus.Rosa Luxemburg auf der Totenbahre darf nicht fehlen, und Helena mischt sich als die Schöne in SS-Uniform ins Geschehen. Aber kann ein so angestrengter philosophischer Exkurs Sinnlichkeit gewinnen, ist es möglich - laut Programmzettel -, "gesellschaftliche Utopien als theatralische Wirklichkeit aufscheinen" zu lassen? Es sind zwei Schauspieler, die dem Wettkampf zwischen einer glanzvoll nihilistischen Nüchternheit und einem tief gläubigen Erlösungspathos Farbe geben: Klaus Schleiff als Gottfried Benn, Rüdiger Kuhlbrodt als Johannes R.Becher.Der eine mit dem langen Stock und der Brille, der andere am Beginn und zum Ende im Rollstuhl, mit der zerschlissenen Decke der Klassizität über den Knien.Was den Darstellern überzeugend gelingt, ist der Nachweis enger Verwandtschaft.Es gibt keine Denunziation der einen oder anderen Haltung, sondern Gleichwertigkeit.Schleiff zeigt Benn als den Gedrungenen, Kräftigen, der seine blitzartigen Einfälle ironisch genießt; Kuhlbrodt gibt Becher Langsameres, auch Gütigeres, setzt sich hager und bürgerlich von dem bissigen, höhnischen Antipoden ab.Beide zeigen die Zusammenbrüche ihrer Helden bis in die Verkrampfung, das "Zu-Boden-Gehen" der Körper hinein, und doch wahren sie immer Abstand, Überlegenheit, Humor, bis in Bechers Schlußbemerkung hinein: "Was geschehn muß, geschieht." Für die Möglichkeiten der Entscheidung setzt das Bühnenbild (Simon Dittmann, Tassilo Tesche) sechs hölzerne Türen, überragt von einem stählernen Plafond, der sich zur Loge des Chores hin öffnen kann.Wie in einem Experimental-Baukasten wird gespielt, mit nie nachlassender Intensität, für die auch Hannes Zerbe am Klavier und Gundolf Nandico am Flügelhorn Sorge tragen.Deutsche Poesie trifft deutsche Geschichte - ein Abenteuer. bat-Studiotheater, Belforter Straße, wieder am 15., 16., 17., 21., 25.und 28.September, jeweils 20 Uhr.

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