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Zeitung Heute : Dichtung weicht Wahrheit

16.01.2008 00:00 UhrVon Björn Rosen

Ein Araber und sein Holocaust-Museum

Im quadratischen Vorraum zu Khaled Kasab Mahameeds Anwaltskanzlei hängen 40 Poster und 40 Postkarten. Sie sind schwarzweiß und nur provisorisch befestigt, mit schwarzem Klebeband. Aber ihre Wirkung ist enorm. Mahameed bekommt E-Mails, in denen Fremde ihn als Verräter beschimpfen und mit dem Tod bedrohen. Denn Mahameed hat ein Tabu gebrochen: Er ist Palästinenser, aber er spricht öffentlich über das Leid der Juden unter den Nazis. Die Fotos in seiner Kanzlei in Nazareth zeigen das Warschauer Ghetto, Erschießungen und die Gaskammern von Auschwitz.

Mahameeds bescheidene Ausstellung, die er etwas hochtrabend „Arab Institute for Holocaust Research and Education“ nennt, ist das erste von einem Araber gegründete Museum über den Völkermord an den Juden.

Seit er im Dezember des vergangenen Jahres nach Teheran reisen wollte, um Irans Präsidenten Ahmadinedschad von der Existenz des Holocausts zu überzeugen, steht er in der Öffentlichkeit wie nie zuvor: Journalisten aus aller Welt kommen zu ihm. Und immer mehr arabische Besucher. 2000 sollen es bisher gewesen sein.

Das freut Mahameed. Araber wollten normalerweise nichts über den Holocaust erfahren, sagt er. Der 45-Jährige trägt elegante Lackschuhe und schwarze Hosen, ein weißes Hemd, aber auch ein traditionelles palästinensisches Kopftuch. Seine Führung durch die Ausstellung beginnt vor einer Aufnahme aus dem Jahr 1938. Darauf ist eine brennende Frankfurter Synagoge zu sehen, „Reichskristallnacht“. Wie dieses Foto hat Mahameed alle seiner Bilder im Museumsladen der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem in Jerusalem gekauft. „Außerdem habe ich eine Broschüre aus Jad Vaschem übersetzt, die ich kostenlos an Palästinenser verteile“, sagt Mahameed. „Warum geben die Israelis nicht selbst Informationen über den Holocaust auf Arabisch heraus?“

Wie viele andere Bewohner von Nazareth ist Mahameed ein Palästinenser mit israelischem Pass. Das heißt nicht, dass er in der Schule viel gelernt hätte über den Holocaust, sagt er. Obwohl es eine israelische Schule war. In arabischen Ländern würden Lehrer den Völkermord verschweigen oder sogar leugnen. „Mein Cousin aus Saudi-Arabien wusste nicht mal, was das Wort Holocaust bedeutet.“

Deshalb fährt Mahameed jetzt manchmal in die palästinensischen Gebiete. Dann hat er einige Bilder aus der Ausstellung dabei und sein Buch. Titel: „Die Palästinenser und der Holocaust-Staat“. Er hat es selbst herausgegeben. Die Araber müssten die Angst der Juden vor der Vernichtung begreifen, um die andere Seite des Nahostkonflikts zu verstehen.

Es ist der Moment für Mahameed, auf ein anderes altes Foto im Raum aufmerksam zu machen. Der Anwalt geht einmal quer durch sein Museum; er hat es nicht weit. Das Bild wurde unmittelbar nach der Befreiung eines Konzentrationslagers gemacht und zeigt einen abgemagerten Mann neben einem Berg nackter Leichen.

Dieser Mann, erklärt Mahameed seinen Besuchern, wanderte nach 1945 vielleicht nach Palästina aus. „Die Leute sollen verstehen, dass die meisten Juden als Opfer hierherkamen und nicht einmal Zionisten waren.“ Das Bild erinnert Mahameed daran, wie er als Sechsjähriger das erste Mal vom Holocaust gehört hat. Sein Vater hat ihm davon erzählt. Die unfassbaren Grausamkeiten, die die Nazis sogar Kindern und Frauen antaten, ließen ihn nicht los. Später, als er in Jerusalem, in London und Stockholm studierte, hätten ihm jüdische Kommilitonen von der Verfolgung ihrer Eltern und Großeltern erzählt. „Das hat mich sehr berührt“, sagt er. „Araber und Muslime glauben, wenn sie offen über den Holocaust sprechen, würde das den Israelis nutzen. Sie irren sich. Nur wenn wir das Leid der anderen anerkennen, werden diese beginnen, unser Leid zu verstehen.“

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