Zeitung Heute : Die 100 Tage von Mitte

Nur aus Medienlabors kommt das richtig entschleunigte Radio

Krystian Woznicki

Neulich beschwerte sich Namensforscher Professor Dr. Udolf, man habe ihm bei Schreinemarkers zu wenig Zeit für seine Antworten gelassen. Tags drauf sollte er dafür in seiner mittäglichen Sendung bei Radio Eins entschädigt werden. „Ganz ehrlich“, sagte er „ich freue mich, wieder im Radio zu sein. Hier kann ich in Ruhe sprechen.“ Udolfs Kritik an der unaufhaltsamen Raserei in der Medienlandschaft dürften die Macher der unabhängigen Radiostation reboot.fm begrüßen. Sie wollen auch Entschleunigung. Doch gilt ihre Forderung auch für das Radio, dass, so Pit Schulz, zu einer „akustischen Wüste“ verkommen ist. Themen aus Politik, Kultur und Wirtschaft würden dort in 30-Sekunden-Beiträgen aufbereitet, während die Musikauswahl mit dem Menü einer Fast Food-Kette zu vergleichen wäre: Ohrwürmer werden ohne Rücksicht auf Ermüdungssymptome bis zur Schmerzgrenze wiederholt.

Bei bloßer Kritik lassen es die Macher von reboot.fm allerdings nicht bewenden. Mit einer Finanzspritze von der Kulturstiftung des Bundes gehen sie zum Berliner Medienkunstfestival transmediale (siehe Kasten) und zur Berlin Biennale für drei Monate auf Sendung. Was ihnen vorschwebt, ist arte für die Ohren: Diskussionen mit Philosophen, Wissenschaftlern und Künstlern, bei denen das Nachfragen erlaubt ist und Denkpausen zur atmosphärischen Geräuschkulisse gehören. Darüber hinaus DJs, die, wie in einem guten Club, ein Programm abspielen, das zeitgenössisch und anspruchsvoll ist. Dass es für dieses Konzept Hörer gibt, darüber ist sich Julia Lazarus, die Pressesprecherin des Radiosenders, ganz sicher. Sie weist darauf hin, dass Mainstream-Sender, wie Radio Energy, KissFM und 104,6 RTL im letzten Jahr massive Hörerzahleneinbußen hinnehmen mussten: „Es ist sehr deutlich zu sehen, dass der durchschnittliche Radio-Hörer genervt auf Hit-Rotations reagiert.“

Antenne Kreuzberg

Die Zielgruppe des Senders sind die Kultur- und Musikinteressierten Berlins. Schätzungsweise werden davon rund 30000 ab dem 1. Februar durch die in Kreuzberg stehende Senderantenne über UKW (104.1) erreicht. Besitzer eines Standard-Küchenradios kommen vor allem in Kreuzberg, Neukölln, Friedrichshain, Mitte, Prenzlauer Berg und Wedding auf ihre Kosten.

Weniger gut dürfte der Empfang in den anderen Teilen der Stadt sein. Mit dem Autoradio hingegen, wird man reboot.fm in ganz Berlin hören können – „bis raus nach Oranienburg“, wie Lazarus anmerkt. Außerdem laufen derzeit noch Gespräche mit dem RBB. Die bald frei werdende Frequenz 106.4 sollte genutzt werden. Wenn diese Frequenz, die dem Hoheitsgebiet der öffentlich-rechtlichen Sender zugeteilt bleiben wird, temporär genutzt werden könnte, hätte reboot.fm schon ziemlich viel erreicht.

Doch was hat dieser Sender - bei aller Entschleunigung - tatsächlich zum Ziel, vor allem mit einem Programm, das nach nur 100 Tagen auf unbegrenzte Zeit in Funkstille mündet?

Klubradio.de, TwenFM.com

Da an einen Regelbetrieb aus Kostengründen zunächst nicht zu denken ist, begreifen die Macher das Projekt als einen Modell-Versuch. Einen Versuch, Potenziale eines Mediums auszuloten, das mehr sein könnte als eine Werbeplattform der Konsumgesellschaft. Die 100 Tage sind für die Radiobetreiber damit ein Schaufenster, in dem sie Visionen präsentieren können, die in dem Medienlabor bootlab in Berlin-Mitte reifen. Unterschiedliche Initiativen haben dort ihre Zentrale, diverse Kulturproduzenten einen Arbeitsplatz gefunden.

Was sie gemeinsam haben, ist das Bastelfieber und die Liebe zum Radio. Eine Leidenschaft, die sich in Projekten wie Klubradio.de und TwenFM.com entladen hat, aus denen wiederum reboot.fm hervorgegangen ist. Zur Zeit arbeiten acht feste und 20 freie Mitarbeiter in der Redaktion Wort und sechs feste sowie 40 freie Mitarbeiter in der Redaktion Musik. Viele davon sind bekannte Künstler, sowie Veranstalter und Verleger.

Und dann gibt es da noch die Leute im Hintergrund: Programmierer, Techniker und Medien-Architekten. Sie sind es, die das Ganze als ein Entwicklungsprojekt für das vergessene Medium Radio begreifen. So basteln sie an einem Audio-Archiv des Senders, sowie an einem Radio-Scheduler für das Programm-Booking – Software-Entwicklungen, die für verschiedene freie Radio-Stationen anwendbar gemacht werden sollen.

Das sind alles in allem kreative Prozesse, die hinter den Wänden des Medienlabors bootlab auch dann ihren Lauf nehmen werden, wenn die transmediale und die 100 Tage Sendemarathon vorbei sind. Früher oder später öffnet sich dann das nächste Schaufenster.

Das Radio im Internet:

www.reboot.fm

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