Zeitung Heute : Die 70er feiern

Helmut Schümann

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Paul brauchte neue Kleider. Glaubt der junge Mann und kam zum Vater. „Papa, gibst du mir 20 Euro?“ Der Vater zahlte, wollte aber auch wissen, was Paul für 20 Euro so alles kaufen wolle: „Eine Unterhose? Ein Paar Socken?“ Paul lächelte abschätzig.

Am Abend trafen sich die beiden zum Männergespräch auf ein Bier. Paul trug Converse-Turnschuhe, eine ziemlich zerschlissene Jeans, ein weites Hemd, darüber einen Parka. Also eine jener Militärjacken, die man vor vielleicht 30 Jahren anzog, wenn man zu einer Demonstration geladen war, die sich gegen die Pershing-Raketen und den Nato-Doppelbeschluss richtete. Der Vater zumindest. Auf Pauls Parka prangte ein Button, „Gegen Nazis“, und einer, auf dem die Musikrichtung Ska gelobt wurde. „Vier Euro der Parka“, sagte Paul, „zwei das Hemd, gibt es im Second-Hand-Laden.“

„Fein“, sagte der Vater, „dann hast du ja noch Geld übrig und kannst das Bier zahlen.“ „Mhgnmanney“, sagte Paul wie in der Zeit, als er noch kein Postpubertist war sondern nur Pubertist. „Ich muss sparen, ich will mich für den Führerschein anmelden. Und wenn ich dann im Sommer 18 bin brauche ich einen VW-Bus. Da muss ein Bett rein und ein Kühlschrank.“

„Geschichte wiederholt sich nicht, es sei denn als Farce“, sagte der Vater, „hat Karl Marx gesagt. Die Siebzigerjahre sind wieder da: mit Parka, VW-Bus und Second-Hand-Läden.“

„Und was ist daran eine Farce?“, fragte der junge Mann. „Eure Holzschuhe waren lächerlich. Und diese engen Zwickjeans. Und Batik-T-Shirts. Ein bisschen Marx würde unserer Zeit nicht schaden.“

Paul ist bei schönem Wetter jetzt oft im Volkspark zu finden. Mit den anderen Postpubertisten. Josephine zählt seit einigen Tagen auch dazu. Zur Freude von Paul. Für die Zeit mit dem VW-Bus plant Paul einen Trip nach Amsterdam. „Da gibt es den Vondelpark“, sagte der Vater und schaute ein wenig rückwärtsgewandt. „Ja, ja“, sagte Paul, „verstehe schon, oh Kinderzeit, oh Jugendglück, für kein Geld der Welt kommst du zurück. Neidisch, was?“

Paul schwört auf Second-Hand-Läden am Görlitzer Bahnhof, sagt aber auch, in der „Garage“ am Nollendorfplatz seien Kleider billig und kiloweise zu haben.

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