Zeitung Heute : DIE 85.TOUR DE FRANCE DICHT VOR DEM ABBRUCH: Fahrerstreik, Bummeltempo, Once-Aus

ALBERTVILLE (sid).Aus Protest gegen die Behandlung der niederländischen TVM-Radrennfahrer, die am Dienstag abend bis nach Mitternacht verhört worden waren, hat die erst um 13 Uhr 15 gestartete Tour-Karawane die 17.Etappe am Mittwoch mit einem Bummelstreik begonnen.Die Fahrer brauchten für die ersten 23 Kilometer eine Stunde, ehe sie bei Kilometer 32 komplett zum Stillstand kamen.Die spanische Mannschaft von Once mit dem französischen Weltranglistendritten Laurent Jalabert zog sich bei diesem Streik-Stopp geschlossen aus dem Rennen zurück und ist nicht mehr bei der Tour dabei.Danach liefen Verhandlungen über die Fortsetzung der insgesamt 149 km langen Etappe.

Das niederländische TVM-Team bleibt der Tour de France dagegen erhalten.Einen Tag nach dem polizeilichen Verhör der vier Fahrer und des stellvertretenden Teamdirektors Hendrik Redant trat die Mannschaft um Sprintstar Jeroen Blijlevens, der die vierte Etappe in Cholet gewonnen hatte, geschlossen zur 17.Etappe an.Erst kurz nach Mitternacht waren die Betroffenen ins Hotel zurückgekehrt.Die Polizei hatte am Dienstag nachmittag unerwartet die Zimmer der Fahrer und Betreuer im Mannschaftshotel Million in Albertville untersucht.Am Abend verließen die Beamten das Hotel und nahmen drei Koffer, eine Sporttasche und einen Plastikbeutel mit.Zudem wurden die Räder unmittelbar nach der 16.Etappe kontrolliert.Nach der ersten Kontrolle waren Teamdirektor Cees Priem und der russische Mannschaftsarzt Alexander Michailow zu Verhören mitgenommen und seitdem festgehalten worden.Die Ermittlungen wurden durchgeführt, weil bereits im März ein TVM-Servicewagen an der belgisch-französischen Grenze bei Lille mit Dopingampullen von Grenzbeamten gestoppt wurde.

Der Bummelstreik war nicht im Interesse der Telekom-Mannschaft.Das unterstrich der zweite Sportliche Leiter der der Bonner Mannschaft, Rudy Pevenage, am Mittwoch nach dem Start der 17.Etappe."Wir hatten heute etwas vor, aber wir müssen uns fügen und können uns nicht gegen die anderen Teams stellen.Sonst sind die Telekom-Fahrer wieder die Bösen", sagte der Belgier.

Beim Start hatten sich in der Olympiastadt Albertville tumultartige Szenen abgespielt.Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc höchstpersönlich zerrte zahlreiche Fotografen von den Fahrern weg.Schon am vergangenen Freitag war ein Streik der Fahrer, die sich wegen der Doping-Affäre "pauschal kriminalisiert" fühlten, nur knapp abgewendet worden.

Der dänische Telekom-Fahrer und Tour-Sieger von 1996, Bjarne Riis, will möglicherweise seine aktive Laufbahn beenden.Vor dem Start zur 17.Etappe der Tour de France in Albertville sagte der 34jährige in einem Interview mit der dänischen Nachrichtenagentur Ritzau: "Ich muß nach der Tour auf meiner Terrasse zuhause darüber nachdenken." Riis bestätigte, daß er mit Blick auf ein mögliches Ende seiner aktiven Laufbahn ein "hervorragendes" neues Telekom-Vertragsangebot für zwei Jahre bisher nicht unterschrieben habe.

Als wichtigsten Grund nannte Riis die "psychische Belastung" durch den Doping-Skandal.In seiner Heimat war Riis von den Medien scharf wegen ausweichender und aggressiver Antworten auf Fragen zum Dopingproblem kritisiert worden.Gegenüber Ritzau bekräftigte er seine Meinung, daß Medien und Polizei bei den Ereignissen der letzten Wochen "überreagiert" hätten.Auf die Frage, ob er selbst jemals gedopt habe, hatte Riis unter anderem mit der Gegenfrage geantwortet, ob er "vielleicht wie ein Junkie" aussehe.

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