Zeitung Heute : Die Abschaffung des gläsernen Nutzers

Markus Ehrenberg

Die Berliner Macher von yoolia.com setzt sich für weniger Werbemüll, mehr Datenschutz und Geld fürs Surfen einMarkus Ehrenberg

Wann ist Revolution? In der Geschichte alle 100 Jahre vielleicht einmal. Im Internet sechs Mal im Jahr. Der eine freut sich, wenn er "drin" ist, der andere über Pizza-Bestellung per Mausklick. Ob CDs aus dem Netz, Handys mit Internet oder virtuelle Models - alles "Revolutionen". Täglich flattern Faxe mit Internet-Umstürzen auf den Tisch der Redaktionen. Wo aber bleibt die erste User-Lobby? Etwas wie der Postbenutzerverband für Internet-Nutzer? Der sich Sorgen um Datenschutz macht, der Werbe-Müll einschränkt?

Wenn der User dann auch noch Geld fürs Surfen bekäme, das wäre Revolution: Die Abschaffung des gläsernen Nutzers - ein hehrer Ansatz der Yoolia AG, die am Freitag mit ihrem Projekt ins Netz geht. Dahinter stehen 16 Jung-Unternehmer, die "mit dem Internet groß geworden sind". Ihr Ansatz: eine User-Lobby für die Rechte der Internet-Nutzer gegenüber der Übermacht der Anbieter. "Drei Punkte haben die Internet-Nutzer gestört. Er weiß nicht, wer seine Daten sammelt und wie damit umgegangen wird. Er wird mit Informationen zugeschüttet und findet nicht, was er sucht. Und er will mehr Sicherheit bei der Abwicklung von E-Commerce", sagt yoolia.com-Geschäftsführer Arnd Schwierholz, 29.

Bei jedem Surfvorgang werden unfreiwillig Daten der Nutzer registriert. Die Folge: Weitergabe an Dritte und unerwünschter Werbemüll. Wer will schon 20 E-Mails von Leihwagenfirmen, nur weil er einmal auf die sixt-Homepage geklickt hat? "Durch Yoolia kann der Nutzer seine Daten selbst in die Hand nehmen und den kommerziellen Wert seiner Daten für sich abschöpfen", sagt Schwierholz. Dafür muss der Nutzer bei yoolia.com einmalig sein Profil, personenbezogene Daten, eingeben. Sorgen um die Sicherheit müsse er sich dabei nicht machen, so die Netz-Revolutionäre um Schwierholz: "Wir arbeiten mit der 128-Bit-Verschlüsselungstechnik." Auf der anderen Seite erstellt der Anbieter von Waren oder Dienstleistungen ein Wunschprofil. In einem sogenannten "Matchmaking"-Verfahren sollen Angebot und Nachfrage zueinander gebracht werden, ohne dass persönliche Daten des Nutzers das System verlassen.

Der Vorteil für den User: Kommerzielle Anbieter platzieren Werbung im Internet ohne Streuverluste, bezahlen dafür an die Yoolia AG. Dieser Preis wird an den User weitergegeben, abzüglich einer Provision. Das heißt, der User profitiert davon, dass er sich die ihn betreffenden Produktinformationen ansieht, beziehungsweise ansehen muss. Das erinnert ein wenig an zielgruppenspezifische Werbekonzepte, wie sie beispielsweise die Münchener Firma FairAd.de anbietet. Da bekommt der Internet-Nutzer für Reklamegucken Geld (für eine Stunde 1,10 Mark), wenn er sich vorher die nötige Software bestellt und auch seine personenbezogenen Daten abgegeben hat.

Bei yoolia.com gibt es auch flatternde Werbebanner, aber vor allem Links zu kommerziellen Anbietern, die auf das Profil des Users passen. Wer beispielsweise auf der Suche nach Reiseangeboten ist, gibt seine Suchanfrage an yoolia.com weiter und erfährt beim nächsten Einloggen, was für ihn gefunden wurde.

"Oder er bestellt im Internet ein Fahrrad für 800 Mark. Da bezahlt er über uns nur 740 Mark. Der Rest ist Provision, die der kommerzielle Anbieter bietet, weil er auf der persönlichen Website des Käufers verlinkt ist", sagt Arnd Schwierholz.

Ist das eine Revolution fürs Internet? yoolia.com verspricht die Umkehrung eines gängigen Marketing-Konzepts: Der Internet-Nutzer werde zum Anbieter (seiner eigenen Nutzerdaten), der Produktanbieter im Netz zum Nachfrager von Kundendaten. Das kann ein Segen sein bei E-Mail-Spam und bringt relevante Informationen auf den PC-Bildschirm. Auf der anderen Seite ist auch Werbung nach dem "Matchmaking"-Verfahren - Werbung. Und Verbraucherschützer fragen weiter nach dem Verbleib von sensiblen Daten bei den immer zahlreicheren Diensten, die anbieten, für die im Internet verbrachte Zeit Geld zu bezahlen. Jurist Bernd Ruschinzik von der Berliner Verbraucherschützer rät daher: "Bei der Registrierung auch das Kleingedruckte beachten."

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