Zeitung Heute : „Die Ärzte haben erkannt, welche Macht sie haben“

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Viele niedergelassene Ärzte werden heute streiken, die Klinikärzte wollen ihren Ausstand ausweiten. Halten die Patienten das für eine gute Idee, Frau Stötzner?

Die meisten Patienten, mit denen ich zu tun habe, sehen das sehr differenziert. Die Unterstützung ist gerade für junge Ärzte sehr groß. Es herrscht die Meinung vor, dass diese besser bezahlt werden sollen, sie nicht nur Kurzzeitverträge bekommen sollen und insgesamt bessere berufliche Entwicklungschancen erhalten müssten. Andererseits wird auch immer wieder erwähnt, es gebe viele etablierte Ärzte, deren Einkommensniveau durchaus in Ordnung sei. Daher stößt die Forderung nach einer bis zu 30-prozentigen Gehaltserhöhung zum Teil bei den Patienten auf Unverständnis. Außerdem wird von vielen Patienten die Frage gestellt, warum die Ärzte alleine streiken und nicht zusammen mit dem Pflegepersonal.

Hören Sie von Sorgen der Patienten, dass sie jetzt wegen des Streiks schlechter behandelt werden könnten?

Diese Angst habe ich interessanterweise bisher nicht gehört. Die Patienten vertrauen darauf, dass Ärzte ihr Berufsethos so weit ernst nehmen, dass sie in einem Notfall versorgt werden und dass vereinbarte Termine zu Operationen auch eingehalten werden. Es gibt offensichtlich eine Grundhaltung angesichts des Ärztestreiks, dass es nur um etwas Vorübergehendes geht und die Versorgung im Notfall gesichert ist.

Immer wieder werden von den Ärzten nicht nur die Bezahlung, sondern auch die langen Schichtdienste thematisiert. Kennen Sie Patienten, die sich darüber beklagen, dass Ärzte überarbeitet sind?

Ja, es gibt tatsächlich Beschwerden von Patienten, die sich schlecht behandelt fühlen, weil Ärzte offenbar übermüdet wirken. Andererseits wünschen sich viele Patienten eine Betreuung durch immer dieselbe Person auf der Station. Das würde bei einer neuen Arbeitszeitregelung, wie sie jetzt auch von der Arbeitgeberseite vorgeschlagen wurde, noch schwieriger werden. Dann gäbe es ja nicht mehr so lange Schichten, dafür aber viele kürzere. Das sind zwei Interessen, die sich schwer vereinbaren lassen: Die Patienten wollen ausgeruhte Ärzte und kontinuierliche Versorgung.

Die Gewerkschaften von Ärzten und Pflegepersonal verhandeln jetzt getrennt. Spüren die Patienten im Moment, dass es zwischen diesen beiden Gruppen Spannungen gibt?

Solche Beschwerden habe ich noch nicht gehört. Allerdings wünschen sich die Patienten nicht, dass diese beiden Gruppen auseinander dividiert werden. Sie haben ein eher ganzheitliches Verständnis von Versorgung. Wenn man Patienten fragt, dann sind für sie die Pflegekräfte genauso wichtig wie das ärztliche Personal.

Glauben Sie, der Tarifkonflikt wird sich weiter zuspitzen?

Ich fürchte, die Sache wird sich weiter zuspitzen. Denn viele Kliniken haben nur wenig Spielräume. Andererseits haben die Ärzte jetzt offenbar erkannt, welchen Einfluss und welche Macht sie mit diesem Instrument Streik in der Hand haben. Deshalb werden sie den Arbeitskampf möglicherweise ausweiten.

Karin Stötzner ist Patientenbeauftragte des Landes Berlin.

Das Gespräch führte Fabian Leber.

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