Zeitung Heute : Die Ärzte proben den Aufstand

MARTIN GEHLEN

Doch abgesehen von medienwirksamer kollektiver Empörung hat dieser "bundesweite Aktionstag" im Kern wenig Substantielles zu bieten.Denn das Vorschaltgesetz ist nichts weiter als ein finanzielles Mini-Reförmchen.Die Ausgabenzuwächse werden leicht gedeckelt, die Zuzahlungen für Medikamente sinken um eine bis drei Mark, das Krankenhaus-Notopfer von zwanzig Mark wird ausgesetzt und Jugendliche erhalten wieder Zahnersatz.Und mit der Budgetierung will Ministerin Andrea Fischer 1999 auf der Ausgabenseite Ruhe schaffen, um ihre geplante große Strukturreform ohne das Störfeuer einer neuerlichen Beitragsdebatte durchziehen zu können.Das ist eine sinnvolle Strategie, besonders wenn man sich die aufschlußreichen Lektionen vor Augen hält, die ähnliche Budgetierungen der Seehofer-Jahre ans Tageslicht gebracht haben.

Da ist zum einen die wachsende Zahl der Kassenärzte: Deutschland hat mittlerweile pro Jahr 4000 Neuapprobationen zuviel - eine Überzahl, die sich nicht mehr aus der Tasche der Beitragszahler in Lohn und Brot bringen läßt.Die gesetzlichen Krankenkassen sind keine verkappte Arbeitsplatzversicherung für den Medizinernachwuchs.Umgekehrt darf es keine Abschottung gegenüber den Neuapprobierten geben, wollen sich die Gesellschaft und ihre Kranken nicht selbst vom innovativen Wissensstrom der Universitäten abschnüren.Ältere Ärzte müssen daher eher und öfter Platz machen, Praxen teilen und zeitiger ausscheiden.Jungmediziner wiederum, die ihre Existenz aufbauen, können nicht klarkommen, wenn sich die alteingesessenen Platzhirsche über selbstersonnene Verteilungsschlüssel großzügig versorgen und die Neupraxen künstlich kleinhalten.Hier schwelt ein Generationenkonflikt zwischen den Etablierten und den in zu großer Zahl Nachdrängenden.Den zu entschärfen, indem man in Richtung Bonn schaut und nach weiteren Milliarden aus Patiententaschen schreit, kann jedenfalls nicht die Lösung sein.

Des weiteren haben die Budgetjahre erwiesen, daß die zur Verfügung stehenden reichhaltigen Mittel zum Teil medizinisch nicht sinnvoll eingesetzt werden.Immer noch zählen die Gesundheitsleitbilder der siebziger Jahre, als ein mechanistisches Körperverständnis dominierte und Labor- sowie Apparateleistungen dementsprechend üppig honoriert wurden.Heute ist viel stärker im Bewußtsein, daß Menschen an Erkrankungen leiden, bei denen Körper und Gemüt zusammenspielen.Sie brauchen Zuwendung, Gespräch und Ermutigung, keine seitenlangen biophysiologischen Diagramme.Ein solches gesellschaftliches Umdenken muß sich selbstverständlich auch im Umbau einer Honorarordnung widerspiegeln.Diese ist kein steinernes Gebilde ewiger Wahrheiten.Sie ist Ausdruck zeitbedingter medizinischer Prioritäten.Der erste Versuch vor drei Jahren, die sprechenden Medizinergruppen besser zu entlohnen, ist an der Gier ihrer Facharztkollegen gescheitert.Alle entdeckten plötzlich und schlagartig ihren Hang zum ausführlichen Patientengespräch und brachten so das neue Honorargefüge zum Einsturz.

Geld gibt es genug, das zeigt der internationale Vergleich.Läßt man die USA einmal beiseite, die mit ihrer liberalen Ideologie von Markt und Privatvorsorge das eigene Gesundheitswesen heillos überteuert und kaputtgemacht haben, sind die Deutschen neben der Schweiz aus der Gruppe der moderat regulierten Gesundheitssysteme diejenigen, die das meiste Geld ausgeben.Die deutschen Ärzte gehören zu den bestbezahlten der Welt, allerdings verbrauchen ein Drittel der Praxen zwei Drittel der Beitragsmittel.Wenn alle Ärzte so umsichtig und vernünftig arbeiteten, wie die große Mehrheit der Mediziner, wäre sogar noch Geld übrig und es gäbe keinen Grund für populistische Feldzüge wie am morgigen "Aktionstag".Doch dazu müßten die Doktoren die Vielverschreiber, Rekordtester und Honorarjongleure in den eigenen Reihen zur Räson bringen.Das aber ist wesentlich schwieriger, als unkundige Patienten mit Horrorszenarien zu ängstigen und ihnen als Resultat rot-grüner Gesundheitspolitik ein vorzeitiges Ableben in Aussicht zu stellen.

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