Zeitung Heute : Die Algebra der Liebe

JAN SCHULZ-OJALA

Spiel mit dem Lügendetektor: Alexej Slapovskijs "Stück Nr.27" in der Baracke des Deutschen TheatersVON JAN SCHULZ-OJALASehr kühl, sehr kurz, sehr wahr.Drei Männer, drei Frauen - und wieviele Lieben in dieser knappen Stunde? Die alte Geschichte: A liebt B liebt C liebt D liebt E liebt F, der klassische Reigen, aber hier geht irgendwann F zu E zu D zu C zu B zu A zurück.Na ja, wie man sich so arrangiert.Aber finden sich überhaupt die alten Paare? Sind die Lösungen in der Algebra der Liebe nicht unendlich egal, weil sie - seien wir ehrlich - überall unendlich gleich sind? So fragt der russische Dramatiker Alexej Slapovskij in seinem "Stück Nr.27", das sehr wahrscheinlich nicht sein 27.Stück ist, sondern auch nur ein Zahlenspiel, eine Ziffer im unendlichen Raum möglicher Erfindungen.Slapovskij fragt auch nicht ausdrücklich so, sondern läßt seine Figuren dauerfragen und -antworten, stellt sie paarweise zusammen und den imaginären Lügendetektor an.Das klingt zum Beispiel so: "Wie ist dein Verhältnis zu mir?" - "Gut." Oder: "Liebst du Frauen?" - "Ja." - "Liebst du das Leben?" - "Nein." - "Aber Frauen, das ist auch Leben." Sie antworten auf jede Frage, so lauten die Spielregeln, und so robben sie sich langsam vor zu jener archaisch-banalen Weisheit, daß jeder und jede auf jede Frage wie jedermann und jedefrau antworten kann.Liebe, Abhängigkeit, Untreue, Einsamkeit, Stolz - und wieder Verliebtsein, Flackerfeuer, kurzes Glück wie ein Schweben vor dem Fall: alles geschieht nur, um alsbald eingespeist zu werden in die leise, böse, alltägliche Inquisition der Gefühle. In der niedrigen Baracke des Deutschen Theaters, deren Zuschauerraum schnell heißgeatmet ist, bleibt die fast leere Bühne mit den sehr leeren Leuten ziemlich kühl - und als, in einer hübschen Besäufnisszene, zwischen dreien von ihnen ein wenig theatralische Betriebstemperatur fühlbar wird, wirkt das fast schon deplaziert.Stefan Schmidtke, in der Baracken-Leitung neben Thomas Ostermeier und Jens Hillje der dritte im Bunde der Geburts-"Achtundsechziger", läßt seine Leute eher wie mit Valium vollgepumpte Versuchstiere aufeinander zutaumeln, sechs Personen, die keinen Autor, keinen Regisseur, kein Thema mehr suchen, und irgendwann stehen sie rum wie Schachfiguren eines von den Spielern aufgegebenen Spiels.Anka Baier gibt die ausgehungerte Verführerin, Barbara Schnitzler die in ehelicher Selbstdiziplin Zombiefizierte, Margit Bendokat eine erzgemütliche Mama-Spinne: eine jagt, eine wartet, eine verliert - so einfach könnte das sein.Und die Männer, der Junge (Torsten Buchsteiner), der Unruhig-Unfertig-Unjunge (Jörg Panknin) und die beruhigend warme Schulter (Gunter Schoß), sie fliehen eher vor den Frauen, selbst vor denen, die sie zu jagen scheinen - ziemlich alberne Hanswurste ohne ein einziges Lachen im Gesicht.Frieden ist erst, als alle durcheinanderreden dürfen und endlich niemand Bestimmtes mehr sein. Für sein "Kirschgärtchen", eine melancholische Satire auf das neue Rußland, vor zweieinhalb Jahren in Kassel in deutscher Erstaufführung gezeigt, hatte Slapovskij den 1.Preis eines neuen Europäischen Dramatiker-Wettbewerbs erhalten."Stück Nr.27" gibt nur wenig von diesem Bühnentalent preis; ja, am Ende dieser deutschen Erstaufführung und der ersten Baracken-Regie Schmidtkes scheint es fast, als liefen nicht nur die Figuren, sondern auch die Schauspieler eilig aus diesem Experiment auseinander.Slapovskij wünschte in einer Regieanweisung, das Stück möge gleich zweimal hintereinanderweg gespielt werden.Die Andeutung der Wiederholung, wie sie in Berlin nun zu sehen war, genügte vollauf. Wieder am Sonntag, am 18., 19.und 27.November, jeweils 21 Uhr.

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