Zeitung Heute : Die Als-ob-Diva

CHRISTIAN SCHRÖDER

Glamouröse Gassenhauer: Helen Schneider singt mehr Weill als Brecht Eine Diva kommt nicht.Eine Diva erscheint.Dunkelheit erfüllt die Bühne.Schemenhaft huscht eine Gestalt herein.Mit einem mächtigen Satz springt sie auf den Flügel, kommt nicht richtig zu sitzen, rutscht ab und prustet los.Das Licht geht an und zeigt eine lachend dahockende Helen Schneider.Die großen Gesten einer Broadway-Entertainerin hat sie alle drauf, aber lieber beläßt sie es bei Andeutungen.Pannen passen ins Konzept.Unklar bleibt nur, wo die Inszenierung aufhört und die Improvisation beginnt."Hi!" sagt die Schneider dann und faßt sich in den Lockenkopf, wie sie es den ganzen Abend zwischen ihren Liedern immer wieder tun wird.So, als wüßte sie nicht, wie es weitergehen soll, und als käme sie drauf, wenn sie nur lange genug in den Locken zupft.Ungekünsteltheit als höchste Kunst. Helen Schneider gibt im BE ein Brecht-Konzert, aber eigentlich doch nicht."A Walk on the Weill Side" heißt ihr Programm, das mehr eine Hommage an den späten Weill der US-Emigration als an den früheren an der Seite von B.B.ist."Und der Haifisch, der hat Zähne", fängt Schneider an zu singen, hauchend und weich, um dann fortzufahren: "Well, Mack is back in Town." So wie sich der ganze Abend von den deutschen Moral-Moritaten mehr und mehr wegbewegt zu den amerikanischen Glamour-Gassenhauern, von der "Seeräuber-Jenny" und dem "Surabaya Johnny" zu "Johnny Johnson" und "Lady in the Dark".Die Lieder schmachten in Melancholie, Schneiders Stimme schmachtet im Vibrato.Wunderbar.Nach der Pause streut sie ein paar Broadway-Evergreens von Stephen Sondheim ins Programm und einige Lloyd Webber-Scheußlichkeiten aus "Sunset Boulevard".Dann das Finale: "Send in the Clowns" und, natürlich, "Cabaret".Eine Diva verschwindet nicht.Eine Diva rauscht von dannen.Kußhändchen, Blumenstrauß, Abgang.Zurück bleiben ein Flügel, drei Barhocker und eine sehr leere Bühne.CHRISTIAN SCHRÖDER

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