Zeitung Heute : Die Alten hocken auf dem Geld

MAXIM GORKI THEATER Peter Kurth spielt die Titelrolle in „Der Geizige“ – einer freien Molière-Paraphrase des Indie-Musikers und Autors PeterLicht

PATRICK WILDERMANN D

Peter Kurth sitzt in den Rauchschwaden des Durchgangs zur Theaterkantine und spricht über unsere Zeit. Und dabei geht es ums Geld, denn Kurth wird in Jan Bosses Inszenierung „Der Geizige“ die Titelrolle spielen. Der Harpagon des Molière hockt auf seiner Goldschatulle, während die Kinder an ihm zerren, er ist der klassische Unsympath, an einem gewöhnlichen Stadttheater würde man das Stück heute vermutlich als bequeme Antikapitalismuskomödie mit Krisenanleihen erzählen, aber so einfach machen sie es sich am Gorki nicht. Zum einen gibt es da ja diese alte Weisheit, wonach auch Künstler nicht nur von Luft und Liebe leben können, in den Worten Kurths: „Kunst ohne Geld ist ein Scheißdreck.“ Und zum anderen wird sowieso nicht Molières Original gespielt, sondern eine Fassung, die der Indie-Musiker und Autor PeterLicht ersonnen hat und die in jeder Hinsicht frei ist, vor allem frei von moralischen Gewissheiten. Kurth mag die Sprachkomik des PeterLicht, er findet sie „gewaltig, kräftig, bissig“, er mag auch die Grundkonstellation der Vorlage: „Ein ganzes Stück voller garstiger Viecher, die miteinander in einen Raum gesperrt sind und anfangen zu schauen: Wer kann wen ausstechen?“

Kurth erwartet vom Theater, dass es sich politisch verhält, auch deshalb fühlt er sich bei Armin Petras gut aufgehoben. Er ist ein Schauspieler, der sich mit rückhaltloser Wucht in seine Rollen wirft, er bringt einen rauen und trockenen Humor auf die Bühne und manchmal eine untergründige Melancholie, die einen ins Mark trifft, zuletzt etwa in „Rummelplatz“, dieser Untertagegrabung nach den Anfängen des DDR-Sozialismus. Peter Kurth hat Erfolg als Künstler. Aber er zählt zu den wenigen, die immer auch die eigene Rolle im Betrieb hinterfragen. Kürzlich hat er sich eine Auszeit verordnet. Nach 28 Jahren, in denen er ununterbrochen auf der Bühne stand, dachte er sich: „Jetzt hol mal ein bisschen Luft. Geh mal spazieren, guck den Vögeln in den Hintern.“ Es war nicht einfach, sagt er. Er sei auch froh, dass es jetzt wieder losgeht, mit dem „Geizigen“.

PeterLicht, der Mann, von dem so schöne Platten wie „Lieder vom Ende des Kapitalismus“ und „Melancholie und Gesellschaft“ stammen und der sein Gesicht weder fotografieren noch filmen lässt, grüßt freundlich am Telefon aus Köln, schraubt sich ansatzlos in einen sprachverspielten Diskurs über den Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Adipositas, über den Zins, der fett werden müsse, und das Fett, das gehasst werde, und betont: „Ich wollte keine moderne Variante des Stückes schaffen, wo der Kutscher eben der Webmaster ist, ich habe eher versucht, eine Reise in die Figuren zu veranstalten.“ Bei Harpagon, dem Verschwendungsverweigerer, hat Licht „eine Reinheit des Geizes“ entdeckt, „eine fast schon anarchische Ablehnung von Konsumismus“. Bei den jungen Figuren hat ihn eher überrascht, wie haltungslos die umherirren bei dem Versuch, „ihr Leben zu machen“. Für Licht ist es ein Familienstück. Und wie es so ist in Familien: „Es wird viel geredet. Vor allem aneinander vorbei.“

Jan Bosse, der den „Geizigen“ inszenieren wird, läuft gerade durch einen schneebedeckten Park in Wien. Nach vielen Klassikern, die er wiederbelebt hat, freut er sich auf diesen höchst gegenwärtigen Text, der auch von alt gewordenen Kindern erzählt, die ihren eigenen Weg nie beschreiten konnten, weil sie an diesem Alleinherrscher Harpagon nicht vorbeikamen. „Der taugt aber bei Licht nicht zum Feindbild“, sagt Bosse, „weil er alles, was ihm entgegengeschleudert wird, mit perfider Umarmungstaktik und tollen Argumenten schluckt.“

Peter Kurth wiederum spricht dann noch über einen Aspekt des Geizes, der gar nicht geil ist und sehr konkret. Er sieht, „dass die Theater immer mehr unter Druck geraten, dass immer weniger Geld da ist für jegliche Art von Kultur“. Er glaubt, dass es auch wieder Überlegungen geben wird, Häuser zu schließen. „Es sind gefährliche Zeiten für uns.“PATRICK WILDERMANN

Premiere am 20.2., 19.30 Uhr

Weitere Vorstellung 26.2., 19.30 Uhr

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