Zeitung Heute : Die alten Römer austreiben

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Dorothee Nolte

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Schlimm trieben es ja auch die alten Römer. Sie nannten ihre Kinder schlicht nach der Reihenfolge ihrer Geburt, Primus, Secundus, Tertius und so weiter. So behielten sie den Überblick über ihre Kinderschar und sparten sich das Nachdenken. Heute ist es umgekehrt. Man kriegt höchstens ein oder zwei Kinder, denkt sich aber monatelang Namen für sie aus, einer ausgefallener als der andere. Keine Frage: Das ist ein zivilisatorischer Fortschritt.

Nur wir stecken geistig noch voll in der Antike. Unseren verschmitzten kleinen Zweitgeborenen nennen wir, von Kosewörtern abgesehen, mit der pragmatischen Gattungsbezeichnung „Baby“. Das klingt so: „Baby will das Shampoo trinken“, oder aus dem Munde des großen Bruders: „Komm, wir spielen Flugzeug! Ich bin der Pilot, und Baby ist die Stewardess.“ Unsere Umwelt hat immer weniger Verständnis für diese altertümlichen Sitten. Eine Mutter erzählte mir warnend die Geschichte ihres Schwagers, der wegen seiner possierlichen Neigung, sich die Backen voll zu stopfen, von seinen Eltern zärtlich „Wanze“ gerufen wurde. Bis zu dem Zeitpunkt, da das Kind begann, sich selbst so vorzustellen: „Hallo, ich heiße Wanze!“ Diese Geschichte hat mich wachgerüttelt. „Hallo, ich heiße Baby?“ Das kann sich eine Stewardess vielleicht mal erlauben, nicht aber ein kerniger Maschinenbau-Ingenieur, wie es unser blond-blauäugiger Flaumkopf in dreißig Jahren unzweifelhaft sein wird. Mein guter Vorsatz für das neue Jahr lautet also, die Antike auszutreiben und das Kind bei seinem bürgerlichen Vornamen zu nennen.

Das ist verdammt schwierig. Wir sind ja nicht so flexibel wie Lady, der sich innerhalb von Sekunden von einem Polizisten in einen Hai, in einen Astronauten verwandeln kann. Lady ist der Held unzähliger Geschichten, die der große Bruder neuerdings gestenreich erzählt. Lady hat, ganz alter Römer auch er, zehn Söhne und zehn Töchter. Seine Frau, die „Luzie Tante Werdu“ heißt, ist meistens damit beschäftigt, sich umzubringen oder mit gewagten Feuerspielen das Leben ihrer Brut zu gefährden (wir verbitten uns an dieser Stelle psychoanalytische Interpretationsversuche).

Zusammen mit Baby, Lady und Luzie Tante Werdu waren wir kürzlich im Labyrinth Kindermuseum. In der ehemaligen Zündholzfabrik in Wedding ist eine schöne Märchenausstellung zu sehen, mit Knusperhäuschen, Zwergen-Bergwerk, Rapunzelturm, Felsentunnel, alles zum Bespielen, Rumklettern, Basteln, Verkleiden. Der große Bruder stapfte als Zwerg, mit roter Zipfelmütze und Stiefeln Größe 45, durch die Landschaft, und Baby – pardon, wie heißt er überhaupt richtig? – beknabberte mit seinen sechs Zähnen das riesige Schlüsselbund des Königs.

Richtig nett war es dort. Kaum hatten wir das Museum verlassen, stürzte sich Luzie Tante Werdu vom Dach, und Lady flog mit der Straßenbahn nach England. Luzie Tante Werdu! Das ist doch ein schöner, individueller, moderner Name. Ich glaube, meine nächsten drei Kinder werde ich so nennen.

Labyrinth Kindermuseum, Osloer Straße 12, 13359 Berlin, Telefon 49 30 89 01, www.labyrinth-kindermuseum.de. Die Ausstellung „Rapunzel und der gestiefelte Hänsel“ geht noch bis zum 15. Februar.

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