Zeitung Heute : Die alten Wilden

JULIAN HANICH

Die amerikanische Überflußgesellschaft war ruhiggestellt, Mitte der 50er Jahre unter Eisenhower und J.Edgar Hoover.Aber am Vorabend von Jugendrebellion und Bürgerrechtsbewegung begann es langsam zu brodeln.An der New Yorker Columbia-Universität hatten sich ein paar Kerle kennengerlernt, die alle die Schnauze voll hatten von Konformismus und US-Kapitalismus.Oder, wie es der Dichter Amiri Baraka im Film zuspitzt: "The society sucked!".Sie gingen nach San Francisco, wo im Herbst 1955 in Lawrence Ferlinghettis "City Lights"-Buchladen eine Dichterlesung stattfand, die als Markstein in die amerikanische Literaturgeschichte einging.Jack Kerouac war da, Gary Synder und natürlich Allen Ginsberg, der seinen Zorn in Gedichtform der Öffentlichkeit entgegenschleuderte: "Howl".

Beat Generation nannte man die Gruppe um Ginsberg, Kerouac und den etwas älteren Bill Burroughs später.Als Ginsberg und Burroughs 1997 starben, war die Gruppe endgültig verstummt.Doch der Dokumentarfilmer Chuck Workman hatte rechtzeitig vor drei Jahren begonnen, Leute zu interviewen und Archivmaterial zusammenzusuchen.Daraus ist "The Source" entstanden.Ein kunterbuntes Dokumentarpuzzle, das aus einigen herrlichen Stücken zusammensetzt ist: der leichenhagere Burroughs, wie er per cut-up-Technik einen Text bastelt oder sich einen Schuß in den Arm setzt; Kerouac, der einstige Beau, vom Alkohol aufgeschwemmt in einer Talkshow, wie er dem Moderator freche Antworten entgegenrotzt; und immer wieder Ginsberg, wie er nackt und mit mächtigem Brusthaar auf Fotos posiert."The Source" bettet die Beatniks mit Songs und Ausschnitten aus Hollywoodfilmen ins Lebensgefühl der Zeit ein.Daruntergemischt sind Gespräche mit Philip Glass, Norman Mailer oder dem heruntergekommenen Drogen-Guru Timothy Leary.Manchmal quillt der Mix aus Musik, Textauszügen und schnellen Bildern beinahe über.Doch dann die Momente der Ruhe! Workman hat drei große Schauspieler gewonnen, die aus Beat-Werken zitieren: Johnny Depp ("On the Road"), Dennis Hopper ("Naked Lunch") und John Turturro ("Howl"), der Ginsbergs Text in die New Yorker Nacht hinausheult.

Heute 11 Uhr (Filmpalast), morgen 23.30 Uhr (Filmpalast)

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben