Zeitung Heute : Die Amerikanerin

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Schwer zu sagen, wann dieses Gefühl aufkam, nicht mitmachen zu wollen. Wahrscheinlich schon in der Zeit, als die Welt noch in Ordnung schien im USStaat New Jersey, als ihr Vater unbekümmert US-Flaggen ans Auto klemmte und auch die Haustür mit dem Sternenbanner verzierte. In den Staaten ist sowas nicht ungewöhnlich, sagt Eve Block aus New Jersey, schon gar nicht in ihrer Familie, wo so viele das Kriegshandwerk gelernt haben. Ihr Vater war in Vietnam, zwei Cousins auf der Militärakademie, auch die Schwester ist in der Armee. Und sie selbst? Geht demonstrieren in Berlin, gegen einen Krieg im Irak.

Sie sei wohl immer das schwarze Schaf der Familie gewesen, sagt Eve Block, die nicht wirkt, als täte ihr das leid. Vergnügt sitzt die 23-Jährige in einem Gewerkschaftsbüro am Berliner Wittenbergplatz, bemalt Transparente, verschickt E-Mails und sieht geflissentlich darüber hinweg, dass sie mit Abstand die Jüngste der Aktivisten ist, die hier die große Anti-Kriegs-Demo planen.

Eve Block studierte Internationale Politik und lebte in New Jersey, als mit dem World Trade Center auch das Selbstbewusstsein der Amerikaner zusammenbrach. „Die Menschen haben Angst gekriegt, sie befürchten jetzt, überall zum Ziel eines Angriffs zu werden und sehen hinter jedem Baum einen Terroristen“, sagt sie. Auch Eve selbst begann sich zu gruseln damals, allerdings eher vor jenen Landsleuten, die mit Baseballschlägern auf Moslems losgingen oder sich weigerten, bei Arabern zu tanken.

„Ich glaube, dass Gewaltlosigkeit die Gewalt überwindet“, sagt Eve Block, „das ist ein starkes, manchmal richtig überwältigendes Gefühl.“ Trotz aller Kritik an der US-Politik, anti-amerikanische Plattitüden schätzt sie gar nicht. Eve Block trommelt gerade eine Gruppe von US-Bürgern zusammen, die am Sonnabend gemeinsam marschieren wollen. „Wir werden zeigen, was die Medien unterschlagen: dass die Amerikaner nicht alle Krieg wollen.“ Vielleicht können die Deutschen ja auch etwas lernen von ihnen, sagt sie vorsichtig, etwa dass Demos nicht „wie ein Beerdigungszug“ aussehen müssen. Eve Block hat manchmal ein wenig Heimweh nach den Staaten, wo der Protest gegen den Krieg immer lauter wird. Wenn sie zurück ist, wird sie ihren Freunden von deutschen Kohleöfen erzählen. Und davon, dass das alte Europa noch ziemlich rüstig ist.

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