Zeitung Heute : Die Angst besiegen

Das Meer hat ihnen fast alles genommen. Wie die Menschen in Mullaitivu und Maruthankerney für die Zukunft planen

Ingrid Müller[Mullaitivu]

Das Geräusch ist so laut, dass es weh tut. Der Fischer im Schatten vor dem Büro der Tsunami-Task-Force beißt mit aller Kraft die Zähne zusammen – fast, als wollte er mit diesem für alle hörbaren Schmerz seinen Schmerz besiegen. Alaganarumunau Ahliyawalai Thailaiyadi hat in der Riesenwelle am 26. Dezember hier oben im Norden Sri Lankas seine Frau und zwei Kinder verloren. Er selbst hatte gerade seine Netze am Strand vorbereitet, als das Wasser mit „Lärm wie ein Bomber“ auf ihn zuraste. Hier oben haben die Menschen nach 20 Jahren Bürgerkrieg solche Vergleiche.

Er versuchte, sich an einen Busch zu klammern, aber das Wasser riss ihn davon, erzählt der dunkel gelockte Mann. Irgendwann fand er doch Halt, aber… Die Erinnerungen werden zu furchtbar. Er kann nicht mehr reden. Er weint, dreht sich weg, dreht sich wieder um. Und setzt stockend wieder an. Er möchte doch erzählen. Nur ein älterer Sohn hat überlebt, der hatte sich vor einem Jahr den Tamilentigern angeschlossen und war an dem Morgen nicht an der Küste.

Der Vater hat die Leichname seiner Familie noch immer nicht gefunden. Er will nicht wieder fischen gehen. „Warum sollte ich wieder Geld verdienen?“, fragt er unter Tränen und mit zusammengebissenen Zähnen. „Es ist doch keiner mehr da.“ Er wird jetzt weiterziehen. In die Toddykneipe. Vom Palmenschnaps erhofft er ein wenig Linderung.

Ein paar Kilometer weiter im Lager Kudarapu in Maruthankerney sitzt Murugulillai Balasubrama Niam mit seinem Sohn Yasodan. Die Beine des Elfjährigen sind über und über voll Narben, die der Tsunami schlug. Auch das Gesicht des Vaters, den sie bewusstlos aus dem Wasser zogen, ist gezeichnet. Mit niedergeschlagenen Augen bittet er um Hilfe. Der 44-jährige ist mit drei Söhnen allein, die Mutter und ein weiteres Kind haben es nicht geschafft, als die Welle sie an dem Morgen beim Frühstück überraschte. Er will wieder fischen gehen, wünscht sich ein Boot. „Das ist der einzige Weg, um zu überleben“, sagt er – und seinem Gesicht ist anzusehen, wie viel Überwindung ihn dieser Satz kostet.

Er wohnt mit seinen Söhnen in der zum Lager umfunktionierten Schule, die Tamilenhilfsorganisation TRO mit ihren Helfern in beigen Westen kümmert sich um die Menschen. Um die Menschen zu versorgen, arbeiten sie hier oben mit anderen Hilfsorganisationen zusammen, zum Beispiel mit dem UN-Flüchtlingswerk, dem Welternährungsprogramm, mit der sri lankischen Sewalanka, erzählt der junge Vizepräsident der tamilischen Task-Force. Die Wände des Büros sind mit Einschusslöchern übersät, der Boden ist mit einer Plastikplane ausgelegt, fünf Holztische bilden die Einrichtung – und drei hochmoderne Computer. Von hier aus steuert die Truppe um den 23-jährigen Miguthan ein ehrgeiziges Programm.

In seinem Abschnitt sind 6000 Fischer betroffen, 758 Menschen starben, 3500 Boote und 200 Kutter wurden zerstört, zählt er nach einem Blick in sein Notebook auf und fährt er mit einer ausholenden Bewegung über die Landzunge auf der Karte. In sechs Monaten sollen alle wieder ein Haus haben. Die Hälfte der 3347 Familien, die zunächst in die Camps geflohen waren, sind schon zurückgekehrt in das, was von ihren Häusern übrig blieb. Keiner will offenkundig länger als nötig in den Lagern bleiben.

Damit die Kinder wieder in die Schule gehen können, richten sie hier jetzt erst einmal andere Übergangslager ein. Keine ungefährliche Angelegenheit. In zwei der neuen Lager sind Minen gefunden worden, ist bei den UN zu hören. Der Chefkoordinator der Tamilen-Task-Force für den Distrikt Mullaitivu sieht in den Minen kein gravierendes Problem. Die Region sei zu 90 Prozent sauber, sagt Maran, der sein Büro auf der Bühne des College von Mullaitivu eingerichtet hat. Innerhalb von wenigen Tagen seien die kleinen Gebiete zu reinigen, wo eventuell Minen angespült worden sein könnten.

Aber die beiden Minen in den Camps hätten unter Palmen gelegen. Was wohl heißen soll, sie sind absichtlich dort platziert, nicht beim Einrichten übersehen worden. Glücklicherweise ist bisher kein Fall bekannt geworden, dass eine Mine hochgegangen wäre.

Maran setzt darauf, dass mit internationaler Hilfe schon im nächsten halben Jahr auch die längerfristige Entwicklung der Region geplant werden kann. Denn das, was der Krieg übriggelassen hatte und was sich die Menschen nach dem Waffenstillstand von 2002 aufgebaut hatten, hat an der Küste t der Tsunami wieder weggerissen.

Auch die Menschen, die der Tsunami nicht direkt getroffen hat, haben hier oben nicht viel. In der Tamilenhauptstadt Kilinochchi gibt es keine Touristenhotels, hier haben nicht einmal alle Läden Licht, abends wird im Schein von Kerosinlampen verkauft, Autos sind rar, die meisten hier fahren Fahrrad. Benzin und Diesel für Mopeds gibt es abgefüllt in Literflaschen im Lebensmittelgeschäft, neben Reis und Trockenfisch.

Mit Fisch haben sie bisher immerhin Geld verdienen können. Täglich schickten sie frische Shrimps in andere Regionen der Insel. Aber nur einen Truck haben sie noch, sagt Miguthan von der tamilischen Taskforce. Die anderen waren am Strand zum Beladen, auch sie wurden weggespült.

Immer mehr Fischer wollen inzwischen trotz ihrer Ängste doch wieder aufs Meer. „Wir wollen in dieser Welt leben, in einer ordentlichen Umgebung. Also lasst uns wieder unsern Job machen,“ sagt S. Thaivanthiram, der sich mit seiner Frau und fünf Kindern ins College von Mullaitivu retten konnte.

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