Zeitung Heute : Die Angst der Fischer vor dem Meer

Als die Flut kam, packte Kalaiani ihre Tochter. Umsonst, die Welle riss sie weg. Ein Besuch bei den Ärmsten der Armen in Südindien

Christine Möllhoff[Cuddalore]

Ganz still und dunkel ist es in der großen Hochzeitshalle von Cuddalore. Niemandem ist in dieser Silvesternacht zum Feiern zumute. Dicht gedrängt verschlafen die Menschen auf dem Boden, in dünne Decken gehüllt, den Beginn des neuen Jahres. Nur ein Baby weint kurz nach Mitternacht. „Wir haben nichts zu feiern“, sagt Sudhakan, der noch draußen steht und in die Nacht schaut. Der junge Fischer hat mit Hunderten von anderen in der Hochzeitshalle Zuflucht gesucht.

Es ist ein schwarzes Silvester für die Menschen. Auch anderswo fallen die Partys aus. Leer, fast ausgestorben sind die Straßen von Pondicherry, der früheren französischen Kolonialstadt an der Südküste Indiens, etwa 30 Kilometer von Cuddalore entfernt. Die Hotels haben alle Feiern, haben Musik und Tanz abgesagt. Die Strände, an denen sonst in der Neujahrsnacht die Feuer leuchten, bleiben dunkel.

In den Restaurants von Pondicherry sitzen ein paar verlorene Touristen aus Frankreich, Österreich, Deutschland und der Schweiz beim Silvestermenü. Massenweise haben Reisende nach der Katastrophe ihre Buchungen abgesagt. Ein älteres Ehepaar belehrt beim Dinner zwei Einheimische über das Erfolgsrezept der Schweiz: „Arbeit, Arbeit, Arbeit.“ Der Nebentisch unterhält sich über die Flutkatastrophe. „Unglaublich“, sagt ein grauhaariger Herr.

Ganz weit weg, fast unwirklich scheint die Tragödie hier, für die Menschen in der Hochzeitshalle von Cuddalore ist sie sehr real. Sie haben Liebste verloren, ihre Häuser, ihre Existenz. Sie wissen nicht, wohin. Sie wissen nicht, wie es weitergeht. Während an den Stränden noch jeden Tagen neue Leichen ausgegraben oder angespült werden, stehen viele Überlebende vor dem Nichts. Die Flutkatastrophe hat Indien nicht so schwer getroffen wie Indonesien oder Sri Lanka, aber sie hat auch hier vor allem die Ärmeren erwischt, jene, die auch sonst kaum über die Runden kommen. Fischer, Tagelöhner, die in armseligen Strohhütten und kleinen Häuschen direkt am Strand hausen.

Wie Kalaiani und ihr Mann. Erst Tage nach der Todesflut traut sie sich erstmals wieder zurück in ihr kleines Dorf bei Cuddalore. Am Strand liegen noch immer tote Hühner, Sandalen, durchweichte Schulhefte. Fassungslos steht sie vor dem, was einmal ihr Zuhause war. Von ihrer Hütte sind nur Trümmer geblieben. Im Schutt liegt noch ein Foto ihrer Schwiegermutter. Kalaiani macht sich nicht einmal mehr die Mühe, es aufzuheben. Sie war gerade Feuerholz sammeln, als die Riesenwelle kam. Vergeblich griff sie noch nach ihrer kleinen Tochter Vasanthan, die Flut riss sie davon. „Warum hat Gott uns das angetan? Das ist schlimmer als der Tod.“ Wie betäubt wirkt sie, wenn sie mit tonloser Stimme ihre Geschichte erzählt. Sie hat keine Tränen mehr. Und ihr bleibt auch keine Zeit zum Trauern, die 22-Jährige mit dem hübschen Mund und den traurigen Augen, die noch wie ein junges Mädchen aussieht, muss nun für ihr eigenes Überleben sorgen.

In der Hand hält sie eine Plastiktüte. Das ist das Notpaket der Regierung – und beinahe alles, was sie und ihr Mann noch besitzen: zwei Betttücher, einen Sari und ein Lungi, den Wickelrock der Männer. Der Blümchen-Sari, den sie nun trägt, hat ihr jemand geschenkt. Das Wasser hatte ihr die Kleider vom Leib gerissen, nur die Halskette, die Ohrringe und den Nasenschmuck aus Gold nicht.

Ein paar Meter weiter unter den Palmen versuchen Männer, von den Fischernetzen zu retten, was zu retten ist. Durchsuchen das stinkende Treibgut nach Verwertbarem. Andere, die wie Kalaiani das erste Mal nach der Flut da sind, sind vor Verzweiflung erstarrt.

Fast 500 Tote hat die Todeswelle in Cuddalore im Bundesstaat Tamil Nadu gefordert, die meisten der Opfer sind Kinder und Frauen. Die Menschen sind traumatisiert – wie sehr zeigt sich, als es plötzlich Gerüchte um eine neue Wasserflut gibt. Sofort bricht Panik aus. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Angst. Männer in zerrissenen Lungis schreien aufgeregt, rennen von Hütte zu Hütte. Eilig raffen Frauen zusammen, was ihnen noch geblieben ist: ein paar Beutel Reis, einen Kochtopf. Eine schleppt eine Matratze. „Um Gottes willen laufen Sie doch. Verlassen Sie diesen Ort“, ruft eine alte Frau mit weißen Haaren unter Tränen. Selbst Kilometer entfernt, landeinwärts, schließen Menschen in größter Eile ihre Geschäfte.

Auf keinen Fall will Kalaiani wieder hier in diesem Ort am Strand leben. „Wir werden sterben, wenn wir zurückgehen“, glaubt sie. Das glauben viele. Ihr Mann schaut weg und sagt nichts. Er ist Fischer, wie sein Vater, Großvater, Urgroßvater. Nun ist er ein Fischer, der Angst vor dem Meer hat. Und nicht weiß, wie er seine Familie ernähren soll.

Kalaiani hat Zuflucht in der Hochzeitshalle von Cuddalore gefunden. Die Stadt ist immerhin vier Kilometer vom Meer entfernt. Hier fühlt sie sich einigermaßen sicher. In dem Saal, in dem sonst Paare ihre Hochzeit feiern, schläft sie nun auf dem Boden. Liegen oder Matratzen gibt es nicht.

Die Stadt sorgt notdürftig für sie. Nicht immer sind die Menschen zufrieden mit dem, was sie bekommen. Die Fischer sind Reis und Fisch gewohnt, anderes Essen schmeckt ihnen nicht, sie halten es für verdorben. Viele sind zu stolz, die gebrauchten Kleider anzunehmen, die nun gleich lastwagenweise herbeigeschafft werden und schon überall an den Straßenrändern in Haufen herumliegen.

Die Hilfscamps entlang der Küste sind voller Tragödien. Viel zu viele, um sie erzählen zu können. Die Menschen drängen einem ihre Geschichten und Namen fast auf. „Sonankuppan, Anjalai, Nayagam, schreiben Sie das in Ihrer Zeitung“, sagen sie. Als wehrten sie sich dagegen, dass sie nur namenlose Zahlen in diesem Drama bleiben.

Auf dem Rasen vor dem kaminroten Hochzeitssaal sitzt ein Dutzend Kinder zwischen drei und zwölf Jahren. Sie lachen nicht, sie plappern nicht. Sie sind ganz still, viel zu still für Kinder. Es sind Waisen, wie man sie nun in Scharen in den Hilfscamps findet – das Meer hat ihre Eltern verschluckt. Der sechsjährige Kaviarasu mit dem schüchternen Blick hat mit seinen Freunden Murmeln gespielt, als die Wasserwalze über das Land rollte. „Renn, renn“, haben seine Eltern noch geschrien, bevor sie in den Fluten untergingen. Kaviarasu konnte entkommen, aber von seiner Familie hat er nichts mehr gehört. Er weiß nicht, was nun aus ihm wird.

So geht es Zehntausenden entlang der Küste Südindiens. Es ist vor allem Zukunftsangst, die aus den Menschen spricht. „Was sollen wir tun? Wir sind Fischer, wir haben nichts anderes gelernt“, sagen die Menschen auch in Nagapattinam, etwa 200 Kilometer südlich von Cuddalore. Hier ist die Gegend, die es von ganz Indien am schlimmsten erwischt hat. 4700 Menschen sind hier in den Fluten umgekommen, ganze Dörfer hat das Meer weggespült, Brücken weggerissen.

Viele Menschen tragen Masken vor dem Mund. Anders ist der Gestank kaum auszuhalten. Dieser Gestank nach verwesenden Körpern, der nun in so schrecklich vielen Orten Asiens in der Luft hängt. Noch immer werden auch in Nagapattinam jeden Tag Leichen gefunden. Am Sand buddeln Männer mit den Händen, nur von Gummihandschuhen geschützt, nach den Toten. Man hat sie angeheuert, für 75 Rupien am Tag. Niemand mehr will sonst die Leichen anfassen, selbst die sonst hartgesottenen indischen Soldaten nicht.

Manche Leichen sind vom Wasser so aufgeschwemmt, dass sie nicht mehr in die Särge passen. Andere sind schon halb verwest. Doch die Toten müssen schnell weg, sie können Seuchen verbreiten. Für Pietät ist keine Zeit. Seit Tagen wird in Nagapattinam im Akkord bestattet. Bagger heben Gruben aus, in die man die Toten kippt. Oder sie werden in Haufen verbrannt. Hindus, Christen, Muslime – alle durcheinander. Das gibt es sonst nicht in Indien, aber in diesen Tagen kann man sich keine Unterschiede leisten. Die Tragödie macht gleicher.

Und schweißt das Land zusammen. Aus allen Teilen des Landes kommen Spenden, eilen Freiwillige und Ärzte herbei. Auch Politiker posieren in Serie mit den Opfern. Sie haben große Hilfspakete versprochen. Doch die Menschen trauen ihnen nicht. Zu oft versickert Geld in Indien „Wir werden nichts bekommen, das Geld stecken andere ein“, fürchtet der Fischer Sudhakan.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar