Zeitung Heute : Die Angst der Weißen

120 Jahre nach der Kolonialnahme und 14 Jahre nach der Unabhängigkeit soll in Namibia der Boden verstärkt an Schwarze umverteilt werden

Wolfgang Drechsler[Kapstadt]

Von Wolfgang Drechsler,

Kapstadt

Jeden Freitag erscheint die „Allgemeine Zeitung“ in doppeltem Umfang. Dann enthält das Sprachrohr der rund 20 000 Deutschstämmigen im ehemaligen Südwestafrika neben den Kulturseiten und viel Werbung auch seine berühmten Leserbriefe. Anderswo längst in Vergessenheit geraten, hat sich unter einigen Lesern die Sitte erhalten, ihr Weltbild in Versform zu kleiden. Seit Präsident Sam Nujoma vor 18 Monaten den „arroganten weißen Landwirten“ bei fehlender Kooperation mit der Verstaatlichung von Farmen gedroht hat, ist der Tenor von Nervosität geprägt: „Oh, was ist aus uns geworden / ob Süden oder Norden / ob Osten oder Westen / es neigt nirgendwo zum Besten“.

Tatsächlich klingen die Worte des Präsidenten für viele Weiße ominös: Vor fast genau vier Jahren begann das Chaos im vor der Haustür gelegenen Simbabwe mit ähnlichen Sätzen. Auch in Namibia hat die Landfrage eine Sprengkraft besonderer Art: Schließlich gehört den Weißen, obwohl sie nur wenig mehr als ein Prozent der Bevölkerung stellen, rund die Hälfte des fruchtbaren Bodens. Doch anders als in Simbabwe sind ein Gutteil der Farmbesitzer in Namibia Deutsche und Nachfahren jener Siedler, die vor genau 120 Jahren in diese unwirtliche Ecke des afrikanischen Kontinents zogen.

Man erinnert sich: Als die Herrscher Europas Afrika 1884 per Lineal sezierten, blieb für den kolonialen Nachzügler Deutschland nur der südwestliche Quadrant übrig, der nicht eben als besonders lukrativ galt – „Streusandbüchse des Reiches“. Auch wenn es mit den Kolonialträumen schon 1915, kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, vorbei war, ist der deutsche Einfluss heute unverkennbar. Sind die Deutschen seit der Unabhängigkeit des Landes im Jahre 1990 politisch auch zu Eunuchen geworden, ist ihre wirtschaftliche Potenz ungebrochen. Viele der Läden und Restaurants in der Windhuker Independence Avenue tragen auch heute noch deutsche Namen, darunter die Blumenecke oder der Thüringer Hof. Noch immer bilden die Deutschen das ökonomische Rückgrat des Landes. Sie sind mit der von Nujoma lange Zeit verordneten Politik der nationalen Versöhnung nicht eben schlecht gefahren.

Für die Masse der 1,8 Millionen Namibier hat sich indes wenig geändert. Dass dürfte auch erklären, weshalb das Thema Landreform gerade jetzt, kurz vor den Präsidentschaftswahlen, wieder hochkommt. Bislang hat die von der Swapo (South West African People’s Organisation) geführte Regierung die Strategie verfolgt, nur jenen weißen Farmern ihr Land abzukaufen, die dies auch freiwillig verkaufen wollen. Doch obwohl rund 900 Farmen offeriert wurden, hat der Staat bislang nur wenig Land gekauft. Insgesamt wurden nur 124 Farmen mit einer Gesamtfläche von 680 000 Hektar erworben und an 9000 schwarze Subsistenzfarmer verteilt. Dabei hatte die Regierung im Jahr 2000 beschlossen, innerhalb von fünf Jahren etwa neun Millionen Hektar zu verteilen. Doch dieses Programm ist ins Stocken geraten. Obwohl der Etat zum Aufkauf von Farmen in den letzten Jahren nicht ein einziges Mal voll ausgeschöpft wurde, hat die Regierung ihn jetzt von 20 auf 100 Millionen Namibia-Dollar (12,5 Millionen Euro) aufgestockt – und eine härtere Gangart angekündigt. Gegenwärtig haben es die Machthaber offenbar vor allem auf die etwa 200 Großgrundbesitzer abgesehen, die ihre Farmen aus der Ferne managen.

Viele Weiße sind besorgt, dass die Landfrage die diesjährige Präsidentschaftswahl dominieren könnte. Denn kein Thema eignet sich besser, die Partei zu einen und unzufriedene Wählergruppen zu binden. Obwohl Namibia wegen seiner geringen Bevölkerungsdichte und seiner weithin unfruchtbaren Landstriche eine ganz andere Ausgangslage als Simbabwe hat und sich Nujoma, anders als Robert Mugabe, nicht von der Opposition bedroht fühlen muss, sind afrikanische Regierungen für gewöhnlich sehr schwer einzuschätzen. Die meisten westlichen Diplomaten sind der Ansicht, dass Nujomas Tiraden gegen Minderheiten eine insgesamt moderate Politik überdecken. Andere Beobachter geben indes zu bedenken, auch über Mugabe habe man genau dies auch lange Zeit gesagt.

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