Zeitung Heute : Die Anschläge auf Momper: "Ich hätte weg sein können"

Brigitte Grunert

Gegen seine Gewohnheit fuhr Walter Momper am 28. Dezember mit der U-Bahn nach Hause. War es ein lebensrettender Zufall? Schon möglich. Es war 17 Uhr 10, als er die Tür seines Wohnhauses Fichtestraße 15 in Berlin-Kreuzberg aufschloss: "In dem Moment geht die Alarmanlage unseres Wagens los." Momper eilte zum Auto, das unweit am Straßenrand stand, sah das Loch im Seitenfenster, dachte aber zunächst nicht an einen Schuss, sondern arglos an einen "Silvesterkracher".

Momper und seine Frau brachten den Wagen sofort in die Werkstatt. Vor der Reparatur wurde jedoch vorsichtshalber die Kripo abgewartet, die das Projektil hinter den Vordersitzen fand. Erst am 2. Januar waren Mompers erleichtert. Nach allen Erkenntnissen der Polizei war es kein gezielter Anschlag auf Herrn Momper oder auf den Wagen, der seiner Frau gehört. "Das war vergleichsweise beruhigend. Aber es bleibt beunruhigend, dass Leute mit Neun-Millimeter-Geschossen durch die Gegend ballern." Na ja: "Wäre ich in der Schusslinie gewesen, hätte ich weg sein können." Er sagt das alles sehr nüchtern, kein bisschen zittert der Schrecken in seiner Stimme.

Wenigstens diesmal also kein Anschlag, wie er es aus den neunziger Jahren gewöhnt ist, der SPD-Politiker, Vizepräsident des Abgeordnetenhauses, Unternehmer und ehemalige Regierende Bürgermeister der Wendezeit 1989 / 90. Ängstlich war er nie. Oder tut er nur keinem Attentäter den Gefallen, sich an seiner Angst-Reaktion zu weiden? Natürlich belastet so etwas die Familie. Aber er will keinen Wind darum machen.

Warum haben es böse Buben immer wieder auf diesen Berliner Politiker abgesehen? "Das hatte immer mit der Mainzer Straße zu tun und mit der autonomen Szene", vermutet er mit gutem Grund. Im November 1990 wurden 13 von militanten Hausbesetzern gehaltene Häuser in der Mainzer Straße im Ost-Berliner Bezirk Friedrichshain geräumt. Dafür rückte Polizeiverstärkung aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen an. Es gab Krawalle, 300 Festnahmen und zahlreiche Verletzte. Berlin war schon vereint, hatte aber noch zwei Stadtregierungen, den Magistrat im Osten und den Senat im Westen, die gemeinsam als "Magi-Senat" agierten. Der Regierende Momper war damals gerade in Moskau, aber natürlich fand er die Räumung richtig. Mompers rot-grüne Koalition zerbrach daran - kurz vor der Gesamtberliner Wahl, die der CDU den Sieg brachte.

Seither war der linksliberale Ex-Regierende öfter die Zielscheibe von Linksradikalen. Im August 1991 wurden Walter und Anne Momper in Kreuzberg von Vermummten umringt. Er bekam einen Schlag auf den Kopf; im Krankenhaus wurde die Platzwunde genäht. Bundeskanzler Helmut Kohl rief an und wünschte gute Besserung. Im September 1994 wurde sein Auto auf der Straße in Kreuzberg angezündet und brannte aus. In einem Bekennerschreiben der autonomen Gruppe "Klasse gegen Klasse" hieß es, der frühere SPD-Chef Momper symbolisiere die "verlogene Moral einer Mehrheit der gehobeneren Mittelschicht". Da hatte er schon seine Projektentwicklungsfirma gegründet, mit der er Bauinvestoren den Weg durch die Genehmigungsbehörden ebnet.

"Reisechaoten" folgten Momper zu Lesungen aus seinem Buch über die Wende in Halle, Plauen und Erfurt. In Halle wurde ihm beim Überfall ein Zahn ausgeschlagen. In Plauen hätten sie "fast das Auditorium gestürmt, in Erfurt beinahe die Scheibe der Buchhandlung eingeschlagen", erinnert er sich. Er ist auch im Bilde, dass Chaotenkreise zuletzt über Angriffe gegen ihn anlässlich seines Auftritts bei der PDS am Alexanderplatz am 3. Oktober 2000 diskutiert haben. Passiert ist aber nichts.

Macht Momper nur noch durch Bedrohungen von sich reden? Iwo. In politischen Auseinandersetzungen war und ist er nicht zimperlich. Er eckte immer an. Doch auch nach der schweren Wahlniederlage der SPD 1999, die er als Spitzenkandidat zu verantworten hatte, macht er weiter. Im SPD-Landesvorstand redet er mit. Er macht politische Vorfeldarbeit, zum Beispiel mit seinem Verein "Berliner Wirtschaftsgespräche". Aber wieso der ewige Hass von Chaoten? Darauf weiß er auch nur eine Antwort: "Leben ist immer lebensgefährlich", pflegt Walter Momper mit Erich Kästner zu sagen.

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