Zeitung Heute : Die Argonauten sind ausgebrannt

DEUTSCHES THEATER David Bösch durchleuchtet Grillparzers Rachetragödie „Das Goldene Vließ“

PATRICK WILDERMANN

Jemand hat mal über David Bösch geschrieben, richtig gut sei er, wenn er von der Liebe erzählen könne, vom jugendlichen Sturm und Drang. Und erst kürzlich nannte die SZ ihn den „Herzausreißer“ unter den 30-jährigen Regisseuren. Bösch selbst findet diese Zuschreibungen nicht falsch, natürlich, sagt er, interessiere er sich für eine Sphäre der Gefühle, in der er sich wiedererkennen könne, wie jung oder alt auch immer. Er zählt jedenfalls nicht zu jenen kopfgesteuerten Theatermenschen, die mit ausgefeilten Konzepten an die Arbeit gehen, allein schon deshalb, weil er, wie er sagt, den Zustand von Langeweile auf der Probe nicht ertrage. Wenn den Regisseur etwas kalt lasse, merke das auch der Schauspieler sofort. Und Bösch gilt als jemand, der ausnehmend gut darin ist, seine Schauspieler zu entflammen.

Bedingung dafür ist wiederum Böschs Talent, vorurteilsfrei zu schauen, was den Figuren auf der Seele brennt. Er inszeniert jetzt Grillparzers „Das goldene Vließ“, diese unentwirrbare Rache- und Liebestragödie auf der Spur der Argonauten. Man frage sich doch, umreißt der Regisseur den schicksalhaften Konflikt, wie es sein könne, dass Jason Medea sitzen lasse, die schließlich alles für ihn aufgegeben habe. Aber Jason ist in Böschs Augen ein Ausgebrannter, mit großen Hoffnungen gestartet, dann abgestürzt, „die Kraft ist ihm gebrochen, er will wieder atmen, es ist aus“. Und da ist man wieder bei den großen Gefühlen. Wenn du emotional sein willst, mach doch Kino, werde ihm manchmal gesagt, lächelt Bösch. Aber das will er nicht, obwohl er anfänglich sowohl Film- als auch Theaterregie studiert hat, und Schauspiel dazu. Lieber setzt er sich dem Pathos- und Kitsch-Vorwurf aus, der im Theater oft schnell wie ein pawlowscher Reflex kommt, wenn einer sich aufs Glatteis der Ironielosigkeit wagt.

Bösch erzählt, wie verschieden sein Vater und sein Bruder auf seine frühe Inszenierung „Leonce und Lena – a better day“, die noch an der Schauspielschule in Zürich entstand, reagiert hätten. Wie der Vater sich vom Emblem auf einem aus dem Fundus geklaubten Bademantel an einen feuilletonistischen Diskurs aus der FAZ erinnert fühlte, während der Bruder schlicht gerührt war von dem Song, der in der Szene eingespielt wurde. Das Theater des David Bösch öffnet Räume für Erfahrung, und im besten Falle trifft es Herz und Hirn zugleich.

„Leonce und Lena“ war auch die Aufführung, die dem Regie-Newcomer den Karriereweg bahnte. Eine No-Budget-Produktion mit vier Schauspielern, die von Ulrich Khuon, dem Wiener Chefdramaturgen Klaus Missbach, auch dem Essener Intendanten Anselm Weber gesehen wurde, bei dem Bösch später Hausregisseur wurde. Schöne Arbeit, hörte er von vielen Seiten – und das bei dem schwierigen Stück! Schwieriges Stück?, dachte Bösch nur. Für ihn und sein Ensemble war die Sache klar: Man soll gegen den eigenen Willen König werden, also einen Weg einschlagen, der einem nicht passt, und haut ab. „Wir haben im Prinzip die Szenen und Sätze rausgenommen, die mit uns zu tun haben, und so geordnet, dass eine Geschichte entsteht.“

Böschs Theater ist immer ein heutiges, was nicht nur die Wahl seiner Mittel meint. Und es polarisiert verlässlich. Mal wird seine Neugier gelobt, in alten Stoffen sich selbst zu finden, mal heißt es, er mache seine Figuren zu Zeitgeistkumpeln der Regie. Es stimmt, dass Bösch oft radikal mit Texten umgeht. Aber nie leichtfertig. Sein Hamburger „Clavigo“ war vielleicht keine demütige Goethe-Nacherzählung, spürte jedoch sehr ernsthaft dem zentralen Zwiespalt nach, wie die Egomanie des Künstlers mit dem normalen Leben vereinbar sei. Und wenn er das Happy End von Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ streicht, dann einzig, weil der versöhnliche Schluss seinem Empfinden zuwiderläuft. Wenn David Bösch von der Liebe erzählt, dann meint er es ernst.

PATRICK WILDERMANN

Premiere 16.10., 19.30 Uhr

Vorstellungen 17., 23. und 28.10.

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