Zeitung Heute : Die Armut und ihre Fürsprecher

BERND ULRICH

Was ist Armut? Sie ist etwas, das sich in die Kehle schiebt und in den Magen drückt.Armut bedeutet, sich selbst arm zu sehen, im Gesicht und an den Kleidern.Arm zu sein, das heißt, kaum noch als Person wahrgenommen zu werden, sondern immer durch einen Grauschleier.Arm zu sein bedeutet, verlassen zu werden von Angehörigen, Freunden und schließlich vom Staat.Armut heißt, sich keine andere Zukunft vorstellen zu können und seine Kinder in dasselbe Schicksal einmünden zu sehen, ohne etwas dagegen tun zu können.Das ist Armut.Jene, die resigniert hat.

Darüber läßt sich öffentlich schlecht sprechen.Diese wirkliche Armut ist kaum faßlich, sie kann auch nicht gut im politischen Kampf verwendet werden.Doch worüber man in der Öffentlichkeit nicht leicht reden kann, darüber kann man, insbesondere im Wahlkampf, gar nicht reden.Folglich wird die wirkliche Armut verwandelt in etwas, über das sich leicht talken läßt, das sich als politische Waffe eignet und doch letztlich im Herzen niemanden rührt, also in Zahlen.Diese Zahlen haben den Nachteil, daß sie beim Thema "Armut in Deutschland" schon deshalb beliebig sind, weil sich eine Bezugsgröße nicht sinnvoll benennen läßt.Wenn man Armut an objektiven Kriterien wie Obdach, Gesundheitsversorgung, Mindestausbildung und Ernährung mißt, ist in Deutschland fast niemand arm.Genauer, es muß niemand arm sein.

Wenn man Armut in Relation zur superreichen Gesamtgesellschaft setzt, wie die meisten Wissenschaftler es tun, dann kommt man zu dem paradoxen Ergebnis, daß eine immer reichere Gesellschaft stets eine gleichbleibend große Zahl von Armen hat, egal, was sie gegen Armut tut, und egal, wie materiell wohlhabend diese Armen dann sind.Wer dieses Armutskriterium - weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens - anwendet, landet zudem bei ziemlich weltfremden Zahlen.Danach wäre jeder westdeutsche Haushalt arm, der weniger als 2800 Mark netto im Monat zur Verfügung hat.Wie mag sich da jemand fühlen, der nur 1500 Mark hat?

Willkürlich ist es auch, den Bezug von Sozialhilfe zum Kriterium von Armut zu machen.Schließlich ist diese staatliche Unterstützung dazu da, Armut zu verhindern und schafft das auch, wo nicht erschwerende Umstände hinzukommen.Außerdem leben von der Sozialhilfe viele, die aus schlimmer Not in ihren Heimatländern nach Deutschland gekommen sind.Mit der hohen Zahl von Einwanderern relativiert sich auch die These, Armut in Deutschland nähme zu.In der Sozialhilfestatistik schlägt sich hier vornehmlich die Immigration nieder.

Wirklich arm sind in Deutschland nur wenige, weniger Menschen jedenfalls als in anderen Industrieländern.Wieviele es genau sind, wissen wir nicht, ob es mehr werden, auch nicht.Was wir wissen, ist allerdings, daß in einer so sündhaft reichen Gesellschaft jeder Arme einer zuviel ist.Dagegen kann der Staat etwas tun, wohl auch mehr als jetzt, vor allem in der Bildung.Der Staat kann Armut nicht verhindern, aber er kann und muß Auswege eröffnen und Aufstiege ermöglichen.

Doch kann er die Diskriminierung, die etwa in Schulen vom Markendenken der Mitschüler und Miteltern ausgeht, nicht beheben.Er kann auch nicht jede Klassenfahrt mitfinanzieren, nicht die ins Hotel in Rom, nur die ins Zeltlager bei Rheinsberg.Der Staat ist gegen den herzlosen Massensnobismus einer Überflußgesellschaft machtlos.Die Rede davon, der Staat dürfe beim Thema Armut "nicht aus der Verantwortung entlassen" werden, ist darum nur mit dem allzuoft ausbleibenden Zusatz richtig: die Gesellschaft aber auch nicht.

Wer wirklich arm ist, kann sich kaum dagegen wehren, ignoriert zu werden.Er kann sich aber ebensowenig seine Fürsprecher in der Öffentlichkeit aussuchen; er kann ihnen auch nicht ins Wort fallen.Er kann nichts dagegen tun, daß sie die Dramatisierung der Armut mit Dramatisierung von Armutszahlen verwechseln.Er kann sie nicht schelten für ihre Naivität, die sie dazu treibt, den Abstumpfungseffekt gegenüber ihren Zahlenkaskaden durch jährlich höhere Zahlen mildern zu wollen.Er kann seine publizistischen Paten schließlich nicht daran hindern, seine Armut doppelt zu diskriminieren, indem sie ihm 2800 Mark andichten.Auch das ist Armut.

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