Zeitung Heute : Die Asche meines Vaters
20.07.2003 00:00 UhrDas ist nicht mein Vater, sagt Peter Marcuse. Der Unterschied ist ihm wichtig, so oft es auch gesagt wird, er nimmt sich jedesmal die Zeit zu korrigieren. Mit feinem Lächeln sagt er dann, nein: nicht Herbert Marcuse wurde gestern begraben, auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin, es waren nur seine verbrannten Überreste. Daran hing keine Seele mehr und auch kein Geist. Wieso ist das überhaupt wichtig, wo die Asche ist, fragt er sich stirnrunzelnd und stellt damit plötzlich wieder das ganze Projekt in Frage. Warum diese Aufregung um ein Häufchen Mineralsalz? Wenn Enkelsohn Aaron den Großvater so reden hört, rollt er mit den Augen und sagt: „Grandpa, wenn es so wäre, hättest du sie doch einfach wegwerfen können.
“ Stimmt, hat er nicht gemacht. Dann lächelt Peter Marcuse wieder, über die Widersprüche, die das Leben nun mal produziert, wenn man es nur theoretisch genug anschaut. Er ist doch eigentlich Materialist, wie sein Vater es war, Herbert Marcuse, der Philosoph der „neuen Linken“, der 1934 vor den Nazis in die USA fliehen musste, der Lieblingsdenker der Studentenbewegung, die Ikone einer ganzen Generation, dessen Bücher sie zusammen mit der Mao-Bibel in ihren langriemigen Ledertaschen umhertrugen.
Eine Pappschachtel im Flugzeug
Für einen Materialisten kann die Asche keine Bedeutung haben. Doch für einen Sohn, der 75 Jahre alt ist und seinen Vater in das Land zurückbringt, aus dem er 1934 emigrieren musste? Für den, das muss er zugegeben, hat eine wichtige Reise begonnen, als er an einem heißen Julitag die Pappschachtel mit der Urne in die Gepäckablage des Flugzeugs gelegt hat und über den Atlantik geflogen ist. Weil das, was eigentlich nur Staub ist, nun in Berlin sein soll.
Die Sicherheitsbeamten beim Check-in blieben vollkommen cool, als die merkwürdige Fracht auf dem Bildschirm erschien, auch sie echte Materialisten und bereits gewöhnt an die Urnen im Handgepäck. Wir sind in Amerika, dem Emigrantenland, aus dem viele Familien irgendwann ihre Toten in die Heimat zurückbringen. Es ist ein aufgeklärtes Land, dieses Amerika, man trägt die familiären Überreste einfach unterm Arm und wohin man will, ohne Behördentamtam. Deshalb war es auch keine Affäre für Peter Marcuse, die Asche seines Vaters aus dem Bestattungsinstitut in New Haven, Connecticut abzuholen, wo sie seit Jahren geduldig auf ihre weitere Bestimmung wartete. No problem, hieß es am Telefon. Und schon schmückte die Urne das Arbeitszimmer des Städteplaners im Keller seines Einfamilienhauses in Waterbury. Er konnte zu ihr rüberschauen, während er E-Mails schrieb und mit seiner Familie diskutierte, wie es denn nun weitergehen soll mit dem berühmten Ahnen, der schon seit 25 Jahren tot war.
Die Geschichte beginnt in Starnberg im Juli 1979 mit einem stillen Gedenken im Garten für einen plötzlich Verstorbenen, der nicht in Deutschland bleiben soll. Die Folgen eines Schlaganfalls, Todestag ist der 29.Juli. Jürgen Habermas ist dabei, der Soziologieprofessor Helmuth Dubiel, die Familie, und auch Rudi Dutschke kommt für ein letztes Adieu herbeigeeilt. Nicht bei den Erben Hitlers soll Marcuse bleiben, seine Frau Ricky will es auf keinen Fall, er soll auch nicht auf deutschem Boden verbrannt werden, sie bringt ihn in ein Krematorium nach Österreich, von dort geht die Urne per Luftpost in die Staaten.
Es ist auch wichtig zu wissen, dass die Marcuses sehr aufgeklärte Leute sind, amerikanisch eben, den weltlichen Dingen zugewandt, weit über das Land von Ost- bis Westküste verstreut und immer beschäftigt. Sie sind progressive Juden, erklärt Peter Marcuses Schwiegersohn Philip, zur Beerdigung extra aus New York angereist. Juden im kulturellen Sinne, die Pessach feiern und zum Chanukka-Fest die Kerzen anzünden. Sie glauben an die Vernunft wie Großvater Herbert, geistige Menschen: Professoren, erfolgreiche Autoren, Filmleute, Architekten, die Bücher schätzen und Diskussionen. Kein einziger passionierter Friedhofsgänger ist dabei, und so unterblieb die Beisetzung der Asche einfach, nachdem Herbert Marcuses dritte Frau Ricky wenige Jahre nach ihrem Mann gestorben war, ohne zuvor seine Beerdigung zu arrangieren.
Man mag über diese Lässigkeit erstaunt sein, doch wirklich Anlass zur Verwunderung gibt, dass sonst niemand fragte. Kein Journalist und keiner der vielen Anhänger des Philosophen. Keiner von den 3000, die sich im Juli 1967 vier Tage im Audimax der Freien Universität um Marcuse versammelten, um mit ihm über „das Ende der Utopie“ und über „Moral und Politik in der Überflussgesellschaft“ zu diskutieren. Keiner von denen, die eifrig den „Eindimensionalen Menschen“ oder „Triebstruktur und Gesellschaft“ studiert hatten, die darin die Begriffe für ihre persönliche und die gesellschaftliche Befreiung zu entdecken hofften. Schlicht niemand hat nach ihm gesucht. Oder sich gefragt, wo er hingehörte. Nach Amerika, wo er seit 1934 lebte und bis an sein Lebensende leben wollte, wo seine Familie ständig wuchs? Oder nach Deutschland, wo er geboren ist, bei Heidegger studiert hat, mit Habermas und Dutschke seine wichtigsten Gesprächspartner fand und in den deutschen Universitäten die meisten seiner Anhänger? Gehörte er in das Land, in dessen Sprache er schon bald seine Bücher schrieb, oder in das, dessen Akzent er willentlich nie abgelegt hat? Eine schwierige Frage, auf die auch Peter Marcuse seine Antwort gern noch ein wenig in die Zukunft verschob. Die Urne stand doch gut da, wo sie stand. So lange, bis ein Student aus Antwerpen im Jahr 2001 eine Mail mit der beiläufigen und doch so nahe liegenden Frage schickte: Wo ist er eigentlich?
Fremdes Deutschland
Ein blau-weißer Bus fährt Unter den Linden entlang, Sightseeingtour. Peter Marcuse hat seine Familie zur Beisetzung nach Berlin eingeladen, von dem Geld, dass er vor vielen Jahren von seinem Vater geerbt hat. Ein alter Plan, den Kindern Deutschland zeigen, nicht die Wohnung der Eltern in der Bülowstraße, die Spielplätze oder die Schule in Charlottenburg, nein, die Orte in Berlin, die Herbert Marcuse, den Philosophen, politisch geprägt haben. Drei Generationen sind im Bus versammelt, Peters Frau Frances, seine Kinder Harold, Irene und Andrew, die sechs Enkelkinder und auch die Cousinen Tana und Caroll aus England. Harold ist Professor für deutsche Geschichte und Experte für den Holocaust. In 20 Minuten will er seinen Verwandten das Wichtigste über Deutschland erzählen: Paulskirche 1848, Albert Speer, Viermächtestatus, Bismarck, Gründerzeit, die Kapitel rauschen nur so vorbei, die Kinder schlafen, und an den müden Gesichtern der anderen kann man sehen: Es ist zu heiß, etwas viel und vor allem alles sehr weit weg.
Harold, der Bücher über Konzentrationslager geschrieben hat, war in der Familiendebatte der engagierte Anwalt für Berlin, dafür, dass die Asche seines Großvaters in das Land zurückkehrte, aus dem er als Jude vertrieben worden war. Seine Schwester Irene, die Krimiautorin, hielt dagegen, es habe genügend jüdische Asche in Deutschland gegeben, und schlug Orte vor, an denen ihr Großvater einfach als Privatmensch glücklich war: das kalifornische Naturressort Torrey Pines, mit Lagunen und Steilküsten, an denen er oft spazieren ging, oder Pontresina in der Schweiz. Sie ließ sich umstimmen von Harolds Begeisterung und dem Argument, 40 Jahre Wüste für die Deutschen seien genug. Und der Sohn, Peter? Der prüft immer noch, schaut ernst aus dem Fenster, hofft, dass die Entscheidung richtig war. Er plant für den nächsten Tag eine Tour nach Sachsenhausen, auch das muss die Familie sehen, und er hält während der Fahrt Ausschau nach dem guten Deutschland, findet es am Landwehrkanal - am Denkmal für Rosa Luxemburg. Hier hat sich Herberts politisches Bewusstsein gebildet, erinnert Peter seine Kinder: Als er im Ersten Weltkrieg als Stallknecht in der Reinickendorfer Kaserne dem Soldatenrat beitrat und der SPD, und nach dem Mord an Liebknecht und Luxemburg sofort wieder austrat. Danach blieb er sein Leben lang ein unabhängiger Linker, ohne Partei, und Freund aller Dissidenten und Einzeldenker, von Solidarnosc bis Rudolf Bahro.
Die Asche seines Vaters wartet zu diesem Zeitpunkt schon längst in der Leichenhalle des Dorotheenstädtischen Friedhofs, gleich vom Flughafen in der Limousine eines Bestattungsunternehmens fortgebracht, wie es in Deutschland nun mal Vorschrift ist. Berlin stiftet dem späten Heimkehrer ein Ehrengrab, dort, wo auch die von Marcuse verehrten Hegel, Brecht und Bahro liegen, nur ein bisschen weiter am Rand, vielleicht 50 Meter von Hegel entfernt, ein kleines Urnenplätzchen.
Freitagmorgen 10 Uhr 30. Verwandte, Freunde und Marcuse-Leser haben sich auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof versammelt, und es ist, als habe der Philosoph, von DDR-offizieller Seite stets als Renegat beschimpft, die Ostdeutschen nachhaltiger als die Westdeutschen beeindruckt. Die PDS-Bundestagsabgeordnete Petra Pau ist gekommen, der ehemalige PDS-Abgeordnete und Rektor der Humboldt-Universität, Heinrich Fink, Autor Wolfgang Engler, Kultursenator Thomas Flierl, der auch das Ehrengrab organisiert hatte, und die schwarze Bürgerrechtlerin Angela Davis. Flierl gibt ihr am efeuberankten Grab von Hegel die Hand.
Friedhof der linken Utopie
Die Konferenz an der FU gehörte den Westdeutschen, so sieht es aus, die Beisetzung auf dem Friedhof der „linken Utopie“ ist die Sache der Ostdeutschen. Die wenigsten tragen Schwarz, das würde nicht passen für einen wie Marcuse, und natürlich gibt es keinerlei religiöse Zeremonie.
Der Sohn Peter beschwört die Aktualität der Philosophie seine Vaters. Er will kämpfen gegen das drohende Vergessen, die Historisierung von Herbert Marcuse. Von „Denkmalpflege“ spricht man liebevoll spöttisch im zu Klampen Verlag, in dem die nachgelassenen Schriften des Philosophen zurzeit erscheinen, gerade einmal mit einer Auflage von 2000 Stück. Vielleicht wäre es anders gekommen, wenn Marcuse 1964 eine Honorarprofessur an der Freien Universität erhalten hätte, die eine Zeit in Aussicht stand. Vielleicht hätten ihn die Deutschen dann nicht so schnell vergessen. Die Hände in den Hosentaschen, steht Peter Marcuse vor dem Grab seines Vaters. Der Stein fehlt noch und natürlich auch die Inschrift. Es müsste etwas Kurzes sein, für das kleine Grab. „Weitermachen“ hat sein Vater immer gesagt. Peter Marcuse überlegt, aber auch damit kann er sich Zeit lassen, auf ein paar Monate kommt es jetzt nicht mehr an. Er weiß, was sein Vater davon gehalten hätte. Es hätte ihn amüsiert. Acht Jahre vor seinem Tod hat sein Vater in einem Interview gesagt: „Ich bin ein geborener Berliner. Aus irgendeinem Grund freut mich das heute noch. Wahrscheinlich wegen des berühmten Berliner Humors oder sonst etwas.“
Das alles ist wichtig für uns, aber nicht mehr für ihn, sagt sein Sohn. Der Tod, hat der alte Norbert Elias gesagt, ist ein Problem der Lebenden.
Mitarbeit: Werner van Bebber








