Zeitung Heute : Die Aura ist weg, und Schröder ist da

HARALD MARTENSTEIN

Gerhard Schröder wiederholte seinen Coup von der Niedersachsen-Wahl, bei der er ausgerechnet während der seit Jahrzehnten heiligen "Bonner Runde" zu Hause in Hannover vor die Kameras trat.ARD und ZDF schalteten live zu Schröder, die "Bonner Runde" saß im Dunkeln herum.Diesmal wartete Schröder den Moment ab, an dem Helmut Kohl vor die Presse trat.Kohl kam, um seine Niederlage einzugestehen, eine Sekunde später lief der strahlende Schröder in der Bonner SPD-Zentrale auf.Gnadenlos schalteten die Sender vom Verlierer zum Sieger.So zeigte Schröder der Welt, daß er der neue Leitwolf ist.Gibt es eine größere Demütigung als die, nicht einmal ungestört seine Niederlage betrauern zu dürfen?

Der Altkanzler, umgeben von seinen Rittern, von Blüm, Kanther, Hintze - das hatte beinahe Tragik, an einem ansonsten bemerkenswert untragischen Abend.Es war bei den Siegern kaum Begeisterung spürbar, bei den Verlierern kaum Verzweiflung.Erleichterung lag in in der Luft, das lagerübergreifende Gefühl: Es mußte so kommen.Trotzdem war dieser Wahlabend anders als frühere.Das Tabu, vor 18 Uhr keine Prognosen zu senden, wurde in den Sendern durch vielerlei Andeutungen unterlaufen.Die Spaßmacher Wigald Boning (in Viva) und Ingolf Lück (auf Sat1) stimmten das Wahlvolk mit zum Teil ziemlich unintelligenten Politiker-Witzen ein.Die ARD brachte Pleiten, Pech und Pannen aus früheren Wahlsendungen.Bei Sat1 war Harald Schmidt krankheitshalber ausgefallen, statt dessen gab es Prügel- und Suffszenen aus Parlamenten in Rußland und Korea zu sehen.Sogar der ARD-Ratgeber "Haus und Garten" riskierte ein paar Späßchen über Kohl, der bekanntlich Blähungen verursacht.Die Politik hat endgültig ihre Aura verloren, den vorsichtigen Respekt, auf den sie in Deutschland länger zählen konnte als anderswo.Politik ist Rohstoff für Entertainment.Ist das gut oder schlecht? Popularisierung hat mit Demokratisierung zu tun.Aber die Clinton-Lewinsky-Affäre war die radikalste denkbare Popularisierung.Es war nicht gut.

Die meisten Journalisten tun am Wahlabend, was alle tun.Sie sehen fern.In der Tagesspiegel-Redaktion war ein Team von Spiegel-TV zu Gast.Die Fernsehjournalisten machten Fernsehbilder von uns, den Zeitungsjournalisten, wie wir Fernsehbilder anschauten, und Spiegel-TV strahlte die Bilder, die uns beim Fernsehen zeigten, noch am gleichen Abend im Fernsehen aus.

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