Zeitung Heute : Die Avantgarde bleibt im Lot

MANUEL BRUG

Berliner Erstaufführung: ein Ruzicka-Violinkonzert beim DSO Der Ex-Intendant als Abonnentenschreck.Obwohl Mahlers 4.Sinfonie folgte, kniffen viele vor einer Peter-Ruzicka-Uraufführung für das Deutsche Symphonie-Orchester.Die Zuschauerfüllmenge in der Philharmonie pendelte sich so bei nur leicht über halb ein.Dabei wurde durch dieses Geburtstagsgeschenk zum 50.des DSO keiner aufgeschreckt, die Hörgewohnheiten einer in den sechziger Jahre angesiedelten Avantgarde blieben im Lot.Und eine Uraufführung war es - anders als das Programmheft suggeriert - auch nicht.Die fand bereits am Sonntag in der Alten Oper Frankfurt statt. "...INSELN, RANDLOS ..."nennt Ruzicka poetisch raunend sein halbstündiges Violinkonzert mit 16stimmigem Chor und großem Orchester, und diesen hohen Tonfall hält es auch.Hat sich erst einmal Christian Tetzlaffs Solovioline, untermalt von Türenklappern, Programmheftrascheln und nachbarlichem Magengeknurr, aus dem Nichts und den höchsten Höhen in den hörbaren Bereich bequemt, erzeugen einzelne Streicher und mit dem Bogen behandelte Zymbeln einen apparten Zahnarztbohrerklang.In den fallen als Tuttistöße die vereinten Streicher und vom Marimbaphon bis zur Almglocke bestens ausgerüstet Perkussionisten ein.So setzen aus thematischen Kernzellen gespeiste Entwicklungen immer wieder neu an und versinken.Ähnlich wie die titelgebenden INSELN aus einer brodelnden Ursuppe auftauchen und eben doch eine Rand bekommen (der Übergang vom Land zum Wasser, die Küstenlinie also, die macht eine Insel aus; wie die randlos sein können, das weiß aber sicherlich der Komponist...).So wie die Geige, und Tetzlaff beherrscht diese fabelhaft, an Raum gewinnt, an üppiger, manchmal gar spätromantisch säuselnder Kantile, versehen mit (allzu) dickem Vibrato, so schleichen sich mählich die Vokalisen des im Orchester postierten, intonationssicheren RIAS-Kammerchores in die auf- und abschwellenden Ballungen ein, wie sie das willig mitgehende DSO vollführt.Vladimir Ashkenazy schlägt dazu zart den Takt und läßt es laufen.Der Mittelteil bleibt, sparsamst ausgeziert von Harfe, Celesta und Geige, dem Chor und Bedenklichem von Paul Celan vorbehalten.Der dritte Teil ähnelt dem ersten, wirkt aufgelockerter, schwelgerisch.Tetzlaff spielt gelöst, uneitel, mit konzentriertem Strich, bis der Klang endgültig entschwebt.Freundlicher Beifall. Der steigert sich zum Schluß hin, denn Vladimir Ashkenazy ließ einen mustergültig enspannten, unspektakulär naturhaft angelegten Mahler ohne Prätention musizieren.Durchaus auch ein Möglichkeit.Lichte Soli (ein Sonderlob den Hörnern - bis auf das "sehr zart und innig" bei Takt 330 im 3.Satz, wo die Puste ausging) entwickelten sich glückhaft, das Scherzo geriet nie grell und in die Karikatur verzerrt.Eine feine Heiterkeit durchzog schon den Kopfsatz, nur die himmlische Freuden im Finale hatten im unscheinbaren Sopran Junita Lascarros einen Rest Erdenschwere.MANUEL BRUG

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