Zeitung Heute : Die Bahn steigt um

MARGARITA CHIARI

Groß und schwarz prangen sie seit gut einem Jahr in den Bahnhöfen - und offenbaren die tägliche Misere des Unternehmens.Wieder einmal mit einer halben Stunde Verspätung in Berlin angekommen und die Wut im Bauch? Werfen Sie einen Blick auf die Tafel: Anderen Reisenden ging es nicht viel besser, und auf die S-Bahn ist auch kein Verlaß.Nur 70 Prozent Pünktlichkeit zeigt die Tafel an, also nichts wie hin zum Taxi.Zumindest in dieser Hinsicht funktioniert die Information der Bahn einwandfrei: Steigen Sie um, bevor es zu spät ist.

Es sieht schlecht aus um das selbsternannte "Unternehmen Zukunft".Wer kann sie nicht erzählen, die Geschichten von verspäteten Zügen, verpaßten Anschlüssen und rätselhaften Stops auf der Strecke - garniert, wenn überhaupt, mit der Ansage an die "sehr geehrten Fahrgäste", die sich nicht darauf verlassen sollten, den Regionalzug nach soundso bei der nächsten Station noch zu erreichen? Wer hat ihn nicht erlebt, den ratlosen Kundenbetreuer am Bahnsteig, der den Zugausfall nicht genau erklären kann? Die Bahn ist im Gespräch, doch nur noch im negativen Sinn.Vorbei die Zeiten, da alle nicht nur vom Aufbruch sprachen, sondern dieser auch sichtbar war, mit neuen Zügen, schnelleren Verbindungen, Kaffee am Platz und freundlichen Schaffnern, die nun Zugbegleiter heißen.Das Unternehmen Zukunft ist auf gutem Weg zurück in die Vergangenheit: Zugausfälle, Preiserhöhungen, Fahrplanstreichungen und Personalabbau, das alles erinnert stark an die alte Staatsfirma Bundesbahn.

Das Fatale ist, daß die täglichen Ärgernisse die Erfolge überlagern.Es hat sich vieles zum Besseren gewendet bei der Bahn.Die Züge sind unbestritten moderner, schneller und bequemer geworden, auch im Nahverkehr.Die Bahnhöfe sind sauberer, die Aufenthalte zumindest an den großen Umsteigeplätzen kurzweiliger, und an den Informations- und Fahrkartenschaltern ist man um den Kunden bemüht.Spitzenleistungen zeigte das Unternehmen nach der Katastrophe von Eschede, als in kürzester Zeit der Ausfall der fast gesamten ICE-Flotte wettgemacht wurde.Und es zählt zweifellos zu den positiven Veränderungen, wenn die einst "nationalen" Bahnen heute den deutsch-französischen Schnellzug "Thalys" von Paris nach Köln - und demnächst vielleicht nach Berlin - fahren lassen, wenn im Güterverkehr deutsche und niederländische Bahn zusammenarbeiten und die Abstimmung mit der Lufthansa langsam Formen annimmt.

Doch das alles kommt beim Kunden nicht mehr an.Dazu aber hat das Unternehmen viel beigetragen.Sicher, weder die Katastrophe von Eschede noch die Pannen mit neuen Zügen sind der Bahn direkt als Fehler anzulasten, die unzureichende Bewältigung aber sehr wohl.Verheerend ist, wenn Kunden bei Verspätungen mit dem Verweis auf Herbstlaub oder Väterchen Frost abgefertigt werden.Verheerend ist, wenn bei einem Dienstleistungsunternehmen die Frustration der Mitarbeiter nicht mehr übersehen werden kann.Verheerend ist, wenn durchaus sinnvolle Überlegungen zur besseren Nutzung der vorhandenen Kapazitäten vorzeitig unter der Rubrik "Streckenkürzungen" an die Presse durchsickern.Und verheerend ist, wenn Gewerkschaften und Vorstand wochenlang Machtkämpfe austragen - als gäbe es nicht andere Aufgaben zu erledigen.Denn eines ist sicher: Bleiben die Kunden weg, wird die Bahn die notwendigen Investitionen auf Dauer nicht mehr finanzieren können.Es ist höchste Zeit, daß bei der Bahn alle begreifen, daß sie in einem Zug sitzen - damit an den Tafeln endlich gute Neuigkeiten zu lesen sind.

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