Zeitung Heute : Die Barbie-Welle erreicht nun auch die Computer-Kids

KURT SAGATZ

Man muß weder Computer-Kritiker noch Diplom-Pädagoge sein, um mit leichtem Unwillen auf den Wunsch der vierjährigen Tochter zu reagieren, die bereits vor dem Frühstück mit dem virtuellen Schönheitsstudio am PC Barbie, Marina, Teresa oder Christie das passende Outfit für Anlässe wie Verabredung, Hochzeit oder Arbeit verpassen und ihrer kleinen Beauty-Galerie ein neues Bild hinzufügen möchte.Nicht allein die Tatsache, daß der Medienkonsum eigentlich höchstens dem Abend vorbehalten sein soll, erregt den Unmut, denn schlimmer noch besteht die Befürchtung, daß mit der neuen "Software for Girls" ein Rollenbild befördert wird, von dem man längst glaubte Abschied genommen zu haben.

Die kleine Tochter sieht das freilich ganz anders, und wenn man sich die Zeit nimmt, mir ihr gemeinsam in die geheimnisvolle Welt von Lidschatten, Lippenstiften, Eyelinern und Rouge einzutauchen, wird man den Softwerkern von Mattel schnell das Lob aussprechen, daß sie ein ansprechendes und leicht zu bedienendes Produkt programmiert haben, das an Variationsmöglichkeiten kaum Wünsche offen läßt.Von der Auswahl des Modells über die Benutzung der Utensilien bis hin zur Archivierung bisheriger Kosmetikversuche in der Galerie und dem abschließenden Ausdruck läuft alles Hand in Hand, so daß sich die kleinen Nutzer voll und ganz auf ihre Kreativität im Umgang mit Kämmen, Lippenstiften und Halsketten konzentrieren können.

Die Programme von Mattel sind dabei gerade einmal die Speerspitze der Entwicklung.Wie die Computerzeitschrift "Konrad" in ihrem letzten Heft feststellte, wälzt derzeit eine kleine Lawine von "Girl Games" auf den Markt für Computerspiele.In diesen bonbonbunten Mädchen-Abenteuern werde die Technik von heute mit den Rollenklischees von gestern verknüpft, kritisiert dabei der "stern"-Ableger.Ungeachtet aller Bedenken ist der Markt in den USA 1997 mit einer Zuwachsrate von 146 Prozent geradezu explodiert.Die Umsätze stiegen von 26 auf 64 Millionen Dollar.1998 wird für das Marktsegment eine Verdopplung auf 135 Millionen Dollar erwartet, mehr als alle Sportspiele zusammen und fast soviel wie bei "Action"-Spielen.

Während in den USA heute bereits in 48 Prozent aller Haushalte mit Kindern PCs stehen, die vor allem zu Weihnachten mit neuen Spielen gefüttert werden, gleicht Deutschland aus Sicht der amerikanischen Softwarehersteller immer noch einer digitalen Einöde, die es zu erschließen gilt.

Um dies zu ändern, hat Mattel neben dem Schönheitsstudio noch zwei weitere Spiele für den deutschen Markt lokalisiert.Dabei handelt es sich zum einen um das altbekannte Rapunzel-Märchen von der jungen Prinzessin, die von einer Hexe auf einen einsamen Turm entführt am Ende von einem gleichermaßen jungen und hübschen Prinzen gerettet wird.Zum anderen lädt das Barbie "Meeres-Abenteuer" zu einem Unterwasser-Tauchgang ein.Hier gilt es, der wasserstoff-blonden Heldin bei der Suche nach einem versunkenen Schatz zu helfen.Nach jeder gelösten Aufgabe wird der Spieler - oder eben die Spielerin - mit einem weiteren Stück einer Schatzkarte belohnt, ohne die der Schatz nicht gefunden werden kann.Doch dies ist erst der Anfang, weitere Spiele sollen folgen.

Alle drei Titel kosten rund 70 DM.Systemvoraussetzungen: Während "Bezaubernde Märchenwelt - Barbie als Rapunzel" sowohl auf PC-basierten (Windows ab 3.1) als auch auf Mac-Systemen (ab 7.1) läuft, funktioniert das "Meeresabenteuer" nur unter Windows 3.1 oder 95.Das "Schönheitsstudio" ist noch wählerischer und gibt sich nur mit Windows 95 zufrieden.Multimedia-fähig müssen dabei alle Geräte sein.

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