Zeitung Heute : Die Berge hüpfen wie Widder

MARKUS KRAUSE

"Animals": Ausstellung des britischen Bildhauers Henry Moore im Berliner Georg-Kolbe-MuseumVON MARKUS KRAUSE"I can see animals in anything, really." Sie sind sicher wahr, aber sie sind auch irreführend, diese Worte des großen englischen Bildhauers Henry Moore, dem jetzt im Georg-Kolbe-Museum als zweiter Station nach Bremen eine Ausstellung unter dem Titel "Animals" gewidmet ist.Zum ersten Mal überhaupt konzentriert sich eine Schau auf dieses Thema, das in Moores künstlerischem Schaffen quantitativ gesehen nur eine untergeordnete Rolle spielt.Eigentlich nicht einmal das, denn echte Tierdarstellungen gibt es bei ihm, der sich der Tierwelt gleichwohl sehr verbunden fühlte, ausschließlich im grafischen µuvre.Wer nach regelrechten Tierplastiken sucht, wird kaum fündig.Selbst die, die wie Tiere aussehen und auch vom Künstler entsprechend betitelt wurden, sind streng genommen gar keine.Das ist das Schöne an dieser Ausstellung: Sie hat sich ein Thema, ein bestimmtes Sujet gewählt und zeigt, daß das eigentliche künstlerische Thema ein ganz anderes ist.Gerade über den Umweg des Augenscheinlichen lassen sich bestimmte Aspekte von Moores Arbeit begreiflich machen. Henry Moores Tierskulpturen sind keine echten Tierskulpturen, weil sie nicht abbilden, jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinne.Kein Mensch würde bei seiner "Divided Oval: Butterfly" betitelten Bronzeplastik vor der Berliner Kongreßhalle auf die Idee kommen, Moore hätte hier wirklich einen Schmetterling zum Vorbild für die voluminöse Ovalform genommen.Mit Bedacht werden in der Ausstellung eine Reihe von Fundstücken aus Moores eigener Sammlung gezeigt - Muscheln, Knochen, Steine und Hölzer -, die ihn begeisterten und ihn in seiner Arbeit inspirierten.Die objets trouvés eröffneten ihm Einblicke in die Formbildung der Natur, in universelle Formprinzipien, die er zum Vorbild seines plastischen Schaffens machte.Diese Prinzipien sind es, die Henry Moore auch in seinen zoomorphen Plastiken sichtbar machen wollte.Bestimmt vermochte der Bildhauer in allen Formen Tiere zu sehen; entscheidend ist jedoch die Umkehrung des Satzes: Moore sah selbst im Tier die Form, ihren Rhythmus, ihre plastische Kraft. Ein besonders eindringliches Beispiel für diese Perspektive bildet ein Zyklus von Radierungen, den Moore nach einem ganz besonderen Naturobjekt schuf: 1968 erhielt er von der Frau eines befreundeten Zoologen den monumentalen Schädel eines Indischen Elefanten zum Geschenk, der es durch den Bildhauer selbst zu einiger Berühmtheit brachte und nun ebenfalls im Kolbe-Museum zu sehen ist.Moore war nach eigenen Worten so überwältigt von der Formenvielfalt des Schädels, daß es eine ganze Weile dauerte, bis er sich an die künstlerische Umsetzung dieses Vorbilds wagte."Ich fand so viele Gegensätze in Form und Gestalt, daß ich darin große Wüsten- und Felsenlandschaften, Höhlen und Felsgehänge, architektonische Komplexe, Säulen und Verliese zu erkennen begann." Entsprechend sehen die Radierungen aus, die sich aus dichten Liniengeflechten zusammensetzen und mit ihren starken Schwarzweiß-Kontrasten ausgesprochen plastisch wirken: Die extreme Nahsicht auf Formdetails ignoriert den Gesamtzusammenhang; statt eines Schädels erblickt man Täler und Höhenzüge, Schluchten und Höhlen.Selbst hier, wo der Künstler die ganz konkrete Gestalt eines Tierkopfes künstlerisch aufgriff, war er keineswegs an einer direkten Umsetzung des Naturvorbildes interessiert. Moores Plastiken stellen Transformationen von Natureindrücken dar, die mit ganz unterschiedlichen, in den Augen des Bildhauers jedoch zusammenhängenden Bedeutungsebenen spielen.Ebenso wie bei den berühmten monumentalen Liegenden ist auch bei seinen "Tieren" das Landschaftliche von großer Bedeutung."Sheep Piece", "Schafe" nannte er eine fast sechs Meter hohe, zweiteilige Bronzeplastik, von der in der Ausstellung, die insgesamt etwa vierzig Plastiken und achtzig grafische Blätter umfaßt, ein maßstabgetreues Modell gezeigt wird.Wie ein mächtiges Gebirge türmen sich die Formen empor.Ist es ein Schaf, ein Berg? "Die Berge hüpfen wie Widder.Die Skulptur ist eine Metapher, ein Gedicht!" Georg-Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25, Eröffnung heute um 19 Uhr, bis 3.Mai; Dienstag bis Sonntag 10-17 Uhr, Katalog 48 DM.

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