Zeitung Heute : Die Berlinale bricht auf

JAN SCHULZ-OJALA

Und schon macht sich Nostalgie breit - vor allem in ihrer typisch berlinischen Variante: nicht als Zukunftsangst, denn Bangemachen gilt bekanntlich nicht, sondern als forscher Verriß des Ungewissen.Die Berlinale nächstes Jahr am Potsdamer Platz? hört man die notorischen Skeptiker fragen.Na, wenn das mal gutgeht!

Dabei ist Nostalgie, in welcher Verkleidung auch immer, nicht angebracht.Denn diese 49.Berlinale wird ein Festival des zwar eindeutigen, aber sanften Übergangs.Auch im Jahr 2000 wird der Besucher seine Festival-Lieblingsfilme in den angestammten Kinos sehen können.Freilich werden sie dann Nachspielhäuser sein.Es ist nur der Premierenglanz, der ein paar Kilometer weiter in die neue Berliner Mitte wandert.Doch genau dorthin gehört, dann in ihrem 50.Jahr und gut zehn Jahre nach dem Mauerfall, das Herz der Berlinale.

Wenn heute ein leibhaftiger Bundeskanzler mit seinem Kulturstaatsminister im Gefolge die Filmfestspiele eröffnet - und nicht, wie bisher, ein übers Jahr eher für innere Sicherheit als für grenzenlose Kinoabenteuer zuständiger Bundesminister -, so spiegelt das in erster Linie das sich verändernde Selbstverständnis des Landes.Und seiner alten, allerneuesten Kapitale, die sich rasant in eine ganz normale Weltstadt verwandelt.Das ist gut so, auch wenn es soeben vom obersten Bundeskulturfunktionär Michael Naumann mit leicht übertriebener Muskelprotz-Attitüde unterstrichen wurde.In zweiter Linie aber paßt das First-Class-Protokoll zum gewachsenen Selbstverständnis der Berlinale selbst.Gegründet als Schaufenster des Weltkinos in der Frontstadt, später wohlfunktionierend als alljährlich von den eingemauerten West-Berlinern heiß ersehntes Glamour-Trostpflaster, ist das Festival längst unverrückbar neben Cannes und Venedig zu einem der großen der Welt geworden.Und doch ist die Berlinale kurioserweise, trotz der politischen Verlandung der Halbstadt, zumindest topographisch fast ausschließlich ein Ereignis des Berliner Westens geblieben - mit seinem cineastischen Epizentrum vom Delphi-Kino über den Zoo-Palast bis zum Hotel Interconti.Das wird im kommenden Jahr aktualisiert.Genauer: Korrigiert.Auch wenn dies manchem Nostalgiker nicht schmecken mag: Wenn es den Potsdamer Platz nicht gäbe, als neue und zugleich wiedergewonnene Mitte ganz Berlins - schon als Ort für diese Filmfestspiele müßte er erfunden werden.

Die Berlinale bricht auf, aber sie reißt sich ihre Wurzeln nicht aus.So ist es klug gedacht, daß die Kräfte, die das Festival in den vergangenen zwei, ja, drei Jahrzehnten zu jenem wichtigen Ereignis gemacht haben, das es mit ihrer Hilfe bis heute ist, nun auch den Umzug vorbereiten und den Start am neuen Ort bewerkstelligen.Dann aber sollten sie so bald wie möglich Jüngeren Platz machen.Nicht, daß die bestehenden Strukturen nichts taugten, vor allem die produktive Konkurrenz und programmatische Kontrapunktik zwischen den beiden Hauptsäulen, dem Wettbewerb und dem Internationalen Forum; aber es fehlt in der Berlinale-Spitze immer fühlbarer an Elementen, die nicht nur Stabilität, sondern auch Dynamik verantworten wollen.Es fehlt an Ideen und Impulsen, zu schweigen vom Mut zum Risiko.Ein Symptom: In diesem Jahr präsentieren sich gleich drei große Filmreihen parallel zur Berlinale, mit Themen und aus Regionen wie Afrika und Osteuropa, die auf dem Weltfestival selbst nur sehr am Rande Platz finden - im Wettbewerb etwa, der sich jahrzehntelang auch programmatisch als Brücke zwischen Ost und West begriff, fehlt der mittelost- und osteuropäische Film diesmal ganz.Diese sich sachte etablierenden Neben-Festivals mögen die Berlinale nicht gleich in eine Identitätskrise stürzen, wohl aber verweisen sie auf wachsende Defizite.

Man muß die Berlinale deshalb nicht gleich neu bauen wie den Potsdamer Platz.Doch ist sie erst einmal umgezogen, so werden auch die Besucher alsbald Neues von ihr verlangen, am lautesten - auch das wäre sehr berlinisch - wohl die, die heute gerne so nostalgisch tun.Aber was schadet das, wenn das Festival dann schon von sich aus auf Erneuerung setzt?

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