Zeitung Heute : Die Berliner Premiere

Eine Frau, eine Entscheidung: Eine Oper wird abgesetzt aus Angst vor Islamisten – wo fängt Selbstzensur an, wo hört sie auf?

Wolfgang Schäuble schaut ungläubig. Es wird einige Sekunden dauern, ehe er jene Worte finden wird, aus denen anderntags die Schlagzeilen gemacht werden. „Also, wenn das wirklich wahr ist …“ Wieder dehnen sich die Augenblicke. Man kann förmlich sehen, wie es im Kopf des Bundesinnenministers arbeitet. Dann wird er deutlich: „Das ist verrückt. Wenn das wirklich stimmt, dann ist die Deutsche Oper verrückt geworden.“

Es ist Montagabend, und eigentlich ist Berlin weit weg. Wolfgang Schäuble sitzt in Washington im Saal Plaza des noblen Ritz-Carlton-Hotels. Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat zum Dinner mit Vortrag „Deutschland: Ein Jahr nach der Wahl“ eingeladen.

Knapp 50 Gäste sitzen an sechs weiß gedeckten Tischen. Der Minister hat gerade launige Bemerkungen gemacht, was für ein friedliches Fest die Fußballweltmeisterschaft war und wie falsch die Bedenkenträger mit all ihren Befürchtungen gelegen hatten: Land im Belagerungszustand, Fremdenfeindlichkeit, Ansteigen der Prostitution.

Doch eigentlich ist er längst mittendrin im Meta-Thema: Eigentlich redet er vom Sicherheitsbedürfnis der modernen Gesellschaft.

Den ganzen Tag über hat er mit Vertretern der Bush-Regierung über Terrorabwehr gesprochen, auch über den amerikanischen Umgang mit Gefangenen. Und nun auch noch das: Kunst und Konflikt. Und ausgerechnet am Beispiel von „Idomeneo“. Schäuble, ein Opern-Fan, hat die Inszenierung von Hans Neuenfels vor Jahren in Berlin selbst gesehen. Und er, der Christ, hat sich nicht gestört am geköpften Jesus, an Neuenfels’ fundamentaler Religionskritik, die den Buddhismus und den Islam mit einschließt. So viel Freiheit der Kunst kann er ertragen. So viel Respekt vor der Kunst erwartet er auch von anderen. Es ist eine Frage von Grundsätzen, von Werten. Nun muss er dazu Stellung nehmen, abends in Washington. Ja, so global ist die Welt geworden.

Die Nachricht von der Absetzung „Idomeneos“ ist seit Stunden in der Öffentlichkeit, in Deutschland ist es bereits zwei Uhr, Dienstagmorgen. Und doch wird der Minister in den USA von der Frage des Tagesspiegel-Korrespondenten überrascht. Für einen Moment spürt man seine Fassungslosigkeit. Wie konnte man ihm eine so wichtige Neuigkeit vorenthalten, ausgerechnet so kurz vor dem Islamgipfel am Mittwoch? Es hängt doch so vieles mit so vielem zusammen.

Dann aber bringt er sich auf Linie: Grundfalsch sei das Zurückweichen, einfach „inakzeptabel“. Deutschland habe allen Grund zu Selbstvertrauen, dass es mit solchen Bedrohungen fertig wird. Langsam tastet sich der Minister auf sicheres Gelände vor, dann empfiehlt er mit den Worten des Politologen Herfried Münkler „heroische Gelassenheit“.

Nur, mit der Gelassenheit ist das so einfach nicht mehr. Die Meldungen von der Spielplanänderung gehen über den Atlantik, und die Kritik daran kommt wieder zurück. Schäuble ist nun Taktgeber. Wieder hat die Wertediskussion Deutschland eingeholt. Wie frei ist die Kunst? Wie viele Scheren sind in unseren Köpfen? Es sind brisante Fragen.

Denn als die Intendantin der Deutschen Oper Kirsten Harms am Dienstagnachmittag mit gut 24-stündiger Verspätung ihre Entscheidung begründet, haben sich längst die Schleusen geöffnet. Ein Sturm der Kritik ist über die Deutsche Oper hinweggefegt. Harms, die bereits im August in ihrem Urlaub telefonisch von Berlins Innensenator Ehrhart Körting auf eine vermeintliche Gefahrenlage aufmerksam gemacht wurde, wenn die Neuenfels-Inszenierung auf dem Spielplan stünde, kann zu diesem Zeitpunkt nicht einmal mehr gröbste Aufräumarbeiten erledigen.

Tags zuvor hätte man es in ihrem Haus noch am liebsten gesehen, wenn möglichst stillschweigend über die Spielplanänderung hinweggegangen worden wäre. Statt Mozarts „Idomeneo“ dann eben ab Mitte November Verdis „La Traviata“. Harmloser ist das, aber auch schön.

Nur, es kam ganz anders. Und nun sitzt die Intendantin vor der Presse und muss mit vibrierender Stimme ihr Seelenleben preisgeben: ihr Verantwortungsgefühl für die Mitarbeiter ihres Hauses, das sie gespürt habe, als Körting lapidar gesagt habe, er, Körting, fahre öfter an der Deutsche Oper vorbei – und er möchte „nicht erleben, dass sie nicht mehr da steht“.

Doch längst haben sich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr nur die Fachleute vor den Mikrofonen versammelt. Es ist, als ob man nach all den wägenden Worten in der Vergangenheit zu Toleranz und gegenseitigem Verständnis nun die Zeit gekommen sieht, mal kräftig auf den Tisch zu hauen. Vor „Selbstzensur“ warnt Unions-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach, vor einer Art interkultureller Appeasementpolitik aus falsch verstandener Sorge, in islamischen Ländern heiligen Zorn hervorrufen zu können. Als „Kniefall vor Terroristen“ bewertet Wolfgang Börnsen, kulturpolitischer Sprecher der Unionsfraktion, die Entscheidung. Und für Peter Ramsauer, CSU-Landesgruppenchef in Berlin, zeugt die Absage nicht von „Respekt vor der Religion, sondern von nackter Angst vor Gewalt“.

Starker Tobak, ausgestoßen im Minutentakt.

Als Harms um zehn nach drei dann erscheint, blass, genervt, hoch konzentriert, merkt man, dass all das Spuren hinterlassen hat. „Was empört Sie eigentlich?“, wirft sie nach einer knappen Viertelstunde empört in die Runde. Ihr Rücktritt stünde selbstverständlich nicht zur Debatte. Mit Hans Neuenfels sei sie sich schnell darüber einig gewesen, an der Inszenierung keinerlei Veränderungen vorzunehmen, und die brennende Frage nach der „Freiheit der Kunst“, die würde sie selber auch gerne stellen – den Berliner Sicherheitsbehörden, der Gesellschaft, dem Feuilleton. Im Übrigen sei während der Abendprobe am Montag im Pressebüro ein Anruf der Polizei eingegangen: Durch das hohe und ausgesprochen heftige Medienecho auf den Vorgang sei „die Gefahr“ für die Deutsche Oper deutlich gestiegen.

Die Gefahr für gezielte Randale in einzelnen Vorstellungen? Die Gefahr für islamistischen Terror, für Bombenanschläge gar? Harms zuckt mit den Achseln, sie sei keine Sicherheitsexpertin, über weitere Details habe keinerlei Aufklärung stattgefunden. Aber ein bisschen verwunderlich scheint es die 48-Jährige schon zu finden, dass ihre Spielplanänderung als republikweiter kultureller Präzedenzfall gehandelt wird. Alle Schuld den Medien?

Als gegen Ende dann eine britische Journalistin höflich darum bittet, man möge ihr die einschlägigen Szenen aus „Idomeneo“ kurz beschreiben, wird Kirsten Harms sogar rabiat: „Sie kennen die Aufführung nicht? Was wollen Sie dann überhaupt hier?“ Die Polizei, schiebt der Pressesprecher reichlich kleinlaut nach, habe ihnen nahe gelegt, über die abgeschlagenen Köpfe der drei Religionsstifter Jesus, Buddha und Mohammed möglichst kein Wort mehr zu verlieren.

Auch Innensenator Körting benötigt am Dienstag ungewöhnlich viel Zeit, sich öffentlich zu äußern. Am Nachmittag wird klar, warum. Körting stellt sich indirekt gegen Schäuble. Anstatt die Absetzung zu kritisieren, äußert er Verständnis. Nachdem eine anonyme Anruferin im Juni der Bundespolizei ihre Bedenken gegen die Aufführung vorgetragen habe – Sicherheitskräfte gehen mittlerweile davon aus, der Anruf sei aus der Oper selbst gekommen – seien die möglichen Gefährdungen vom Landeskriminalamt analysiert worden. Die Behörde habe festgestellt, „dass die Aufführung eine Gefährdungslage mit schwer abzuschätzenden Folgen für die öffentliche Sicherheit und Ordnung mit sich bringen könnte“, sagt Körting. Der Innensenator verteidigt sich gegen Panikmache „in einer durch den Karikaturenstreit hoch emotionalisierten Atmosphäre“. Es sei die Aufgabe der Sicherheitsbehörden, „auf eventuelle Gefährdungen hinzuweisen“.

In welchem Zwiespalt Polizei und Verfassungsschutz stecken, zeigen die Äußerungen eines Sicherheitsexperten. „Als zorniger Bundesbürger sage ich, die Absetzung der Oper ist vorauseilende Panik, einfach lächerlich“, der Mann holt Luft. „Aber als besorgter Experte kann ich nur feststellen: Es ist berechtigt.“ Dann zählt er die Szenarien auf, die durchgespielt werden. Islamisten mischen sich ins Publikum der Oper und stören die Aufführung. Vor der Oper demonstrieren Muslime. „Oder es gibt einen Anschlag“, sagt der Experte. „Irgendein islamistischer Sektierer aus Berlin oder einer, der aus dem Ausland geschickt wurde, greift Mitarbeiter oder Besucher an. So wie es bei Theo van Gogh in Holland war. Oder es kommt ein Attentäter und sprengt sich in die Luft.“

Der Fall van Gogh ist der bislang härteste Anschlag von Islamisten auf die Freiheit der Kunst. Ein Fanatiker hatte den Filmemacher am 2. November 2004 in Amsterdam ermordet. Deutsche Sicherheitsexperten können sich mühelos vorstellen, dass der blutige Anschlag von Amsterdam in Berlin wiederholt wird.

    Ein Service von
    Angebote und Prospekte von kaufDA.de
Service

Biowetter, Deutschlandwetter und internationales Wetter, Niederschlagsmengen, Reisewetter und aktuelle Satellitenbilder. Behalten Sie das Wetter im Griff!

Tagesspiegel Wetterseite

Leserdebatten

Alexanderplatz, Hertha, Mediaspree: Leserdebatten auf Tagesspiegel.de.

Diskutieren Sie mit!

Tagesspiegel-Partner

  • Partnersuche

    Viele Paare finden sich bei eDarling. Verlieben Sie sich wie Ramona & Andreas!
  • Stellensuche

    Experteer.de: Zugang zu einem exklusiven Headhunternetzwerk und über 80.000 Stellenangebote!
  • Sie möchten einkaufen?

    Hier finden Sie die aktuellen Prospekte der Einzelhändler aus Ihrer Region.
  • Schreiben Sie?

    So kommen Sie zum eigenen Buch.
  • Fotoservice

    Gestalten Sie Ihr individuelles Fotobuch mit dem Tages-spiegel-Fotobuchservice.

Erleben sie mit tagesspiegel.de die ganz besonderen Veranstaltungen in Berlin und Umgebung. Hier können Sie sich Ihre Tickets zum Aktionspreis sichern.

Weitere Tickets...