Zeitung Heute : Die bestellte Hauptstadt

Philipp Meuser

Wenn Kisho Kurokawa aus seinem Bürofenster schaut, blickt er auf eine Silhouette von Wolkenkratzern, die wie Eisberge aus dem Meer der kleinen Stadthäuser hervorragen. "Städte", raunzt der Architekt vor sich hin, "brauchen keine starren Masterpläne. Sprechen wir von einer modernen Metropole des 21. Jahrhunderts, dann müssen wir von einem offenen System ausgehen, das in seinem Wachstum niemals abgeschlossen ist." Kurokawa zählt zu den berühmtesten Architekten Japans. Wenn der grauhaarige Mann mit seiner rahmenlosen Brille über die Zukunft der Städte sinniert, glaubt man allerdings eher einem Philosophen als einem Architekten gegenüber zu sitzen. Kein Wort über Bauformen, keine Aussage über Plangrafiken. Stattdessen spricht der Japaner über die Stadt als Organismus, der wie ein Lebewesen wachse und schrumpfe, und über die Symbiose von Mensch und Natur, die schließlich die Grundlage allen Handelns sei. Stadt ist für den 68-Jährigen so etwas wie ein wucherndes Gebilde, nicht mehr als ein Bodendecker, eine Art sich ständig erneuerndes Geflecht, das sich allen Umweltbedingungen leicht anpasst. Kurokawa ist, wenn man so will, der Mann des Efeu-Prinzips.

Hier, in einem anonymen Bürohaus inmitten von Tokio, hat sich Kurokawa auch sein bislang größtes Projekt ausgedacht: eine Hauptstadt. Nicht für seine Heimat, sondern für die 15 Millionen Kasachen zwischen dem Ural und China. Bald ist es vier Jahre her, dass er zur Teilnahme an einem internationalen Wettbewerb aufgefordert wurde. Als sein Entwurf dann als Bester prämiert worden war, fand Kurokawa, sei es an der Zeit, sich nun auch einmal das Land, für das er die Hauptstadt entworfen hatte, anzusehen. Zum ersten Mal sah er den Ort, den sich der kasachische Staatspräsident Nursultan Naserbajev für sein neue Zentrum auserkoren hatte. Für die Ideenfindung während des Wettbewerbes hatte der Baumeister lediglich zwei Mitarbeiter in die Steppe geschickt.

Eine symbiotische Stadt

Ginge es nach dem Architekten Kisho Kurokawa, gehört Astana spätestens in 30 Jahren zu den modernsten Städten der Welt. Das zumindest sehen seine Planungen für die kasachische Hauptstadt mitten in der endlosen flachen Landschaft vor. Nicht die einzelnen Häuser hat Kurokawa entworfen, sondern das große Ganze, den Stadtplan. Für die Architektur der Gebäude sind seine kasachischen Kollegen zuständig. Kurokawas Grundidee ist die Erweiterung der bestehenden Stadt, einem schmutzigen Industrie- und Landwirtschaftszentrum aus der Sow-jet-Ära, nach Süden. Als landschaftliches Element verbindet der Fluss Ishim den alten mit dem neuen Teil. Eine symbiotische Stadt wollte Kurokawa, in der sich die sowjetische Altstadt und die kasachische Neustadt zu einem neuen Ganzen vereinigen. Kurokawa überzeugte die Jury vor allem mit seiner Theorie der so genannten metabolischen Stadt, mit der er bereits 1960 international auf sich aufmerksam gemacht hatte. Damals formulierte er schon den Gedanken, dass sich Städte dynamisch wie Lebewesen verhalten. Städtebau als ein Prozess von Werden und Vergehen, in dem Orte und Regionen von der Landkarte verschwinden und wieder auferstehen. Nirgendwo sonst ist dieses Phänomen so aktuell wie hier in Kasachstan, wo inzwischen komplette Dörfer durch Abwanderungen nach Deutschland oder Russland entvölkert sind. Für die von Umweltkatastrophen gebeutelten Bewohner Kasachstans - im Westen liegen die tödlichen Testgebiete für B- und C-Waffen, im Osten das von Atomtests verseuchte Semipalatinsk - stellt die neue saubere Hauptstadt daher weit mehr als ein architektonischer Hoffnungsschimmer dar. Astana ist womöglich die einzige Chance auf Zukunft, die Kasachstan hat.

Bislang jedoch liegt die Zukunft Astanas noch auf den Ladeflächen der Lastwagen, die sich tagsüber schwer beladen über die Ishim-Brücke schleppen. Auf der Hinfahrt zu den Baufeldern haben sie Kies, Betonplatten oder Armierungseisen geladen. Auf der Rückfahrt wirbeln Sand und Erde aus den Baugruben große Staubwolken auf. Die Geschäftigkeit ist schier endlos. Sie beginnt mit dem Sonnenaufgang und endet spät nach ihrem Untergang. Eine kaum überschaubare Zahl Arbeiter gibt in diesem neuen Astana den Ton an.

Die Dynamik, die von diesem Ort ausgeht, lässt sich in Kurokawas Masterplan nur schwer darstellen. Der Plan zeigt ein traubenartiges Gebilde, das sich im Süden an die bestehende Stadt gehängt hat und in dem bis zum Jahre 2030 knapp 800 000 Einwohnern wohnen sollen. Noch vor fünf Jahren lebten hier gerade mal 250 000 Menschen. Aber die Abwanderung aus anderen Regionen Kasachstans und ein Bevölkerungswachstum von zwei Prozent scheinen das Projekt realistisch erscheinen zu lassen. Im Gegensatz zu den bis heute umstrittenen Hauptstadtplanungen des vergangenen Jahrhunderts, zu denen das südamerikanische Brasilia von Oscar Niemeyer und Lúcio Costa gehört, das immer eine reine Beamtenstadt geblieben ist. Arbeiten ja, aber leben wollte keiner dort. Genau wie im australischen Canberra und im indischen Chandigarh von Le Corbusier. Sie alle basierten auf einer architektonischen Großform, erklärt Kurokawa immer wieder gerne, die sich wegen ihrer geringen Dynamik nicht weiter entwickeln könne. Zu dominant seien damals die Entwürfe gewesen, als dass man sie den Anforderungen der neuen Epoche hätte anpassen können. Kurokawas organisches Trauben- oder Efeu-Prinzip macht das möglich. Bis auf ein im Stadtgrundriss verankertes Band der Regierungsbauten verzichtet Kurokawa auf starre Gestaltungselemente. Und er liefert zugleich ein ideologisches Konzept, das der Hauptstadt-Idee des Präsidenten Substanz verleiht. Anders als viele seiner Wettbewerbskollegen stülpte Kurokawa der Stadt keine künstliche Form auf. Vielmehr entwickelte er eine Strategie, wie man der Stadt unter anderem ein neues Wasser- und Abfallmanagement verpassen könne - mit dem Ergebnis, dass in diesem Frühjahr mit japanischer Finanzhilfe die Kanalisierung Astanas modernisiert wird. Darüber hinaus soll durch ein großflächiges Aufforstungsprojekt das Mikroklima verbessert werden, das immerhin durch bis zu 80 Grad Temperaturunterschied gekennzeichnet ist. Vor dem Hintergrund, dass weder die Stadt noch der Staat eine Zukunftsalternative zu bieten haben, könnte Astana zu einem Erfolgsmodell werden.

Von der Bin-Laden-Gruppe

Aber dann ist der Bau von Kurokawas Öko-Stadt vor zwei Jahren ins Stocken geraten. Denn die Stadtverwaltung hatte ohne Absprache mit der gesamtstaatlichen Planungsbehörde einen eigenen Generalplan erarbeiten lassen. Dieser basierte zwar auf den Wettbewerbsergebnissen, ließ jedoch sowohl den Sieger - Kisho Kurokawa - als auch den Initiator - Präsident Naserbajew - außen vor. Die Stadtverwaltung hatte schon wesentliche Straßenzüge angelegt und zahlreiche Baugenehmigungen erteilt. Also musste Kurokawa die Planungen seiner ungewollten Konkurrenten im Nachhinhein in sein Werk einbauen. Der Generalplan der Stadtverwaltung war von der saudischen Bin-Laden-Gruppe erarbeitet worden. Dieser parallelen Planung ist es zuzuschreiben, dass auf dem Baufeld der neuen Regierungsstadt bereits eine rege Bautätigkeit zu beobachten ist, obwohl der eigentliche Plan erst vor wenigen Wochen offiziell an die kasachische Regierung übergeben wurde.

Inmitten der Leere erhebt sich inzwischen eine 200 Meter hohe Konstruktion, die mit Stahlseilen im Boden verankert wird. Die schlanke Vertikale wirkt in der flachen Landschaft, als habe man auf einer Karte mit der Nadel die neue Hauptstadt markierten wollen. Der Aussichts- und Kommunikationsturm wird das Zentrum des neuen Regierungsviertels überragen und das gestalterische Gleichgewicht zwischen den beiden Endpunkten der neuen Achse bilden. Auf der westlichen Seite, wo der Horizont eine waagerechte Linie in die Leere der Landschaft zeichnet, wächst gerade ein Zwillingsturm in die Höhe. Der staatliche Ölkonzern setzt sich hier ein 25-geschossiges Denkmal. Auf der östlichen Seite, wo sich Holzhütten und Gartenlauben noch hinter dem zarten Laub der Obstbäume verstecken, bereiten Bagger und Planierwalzen gerade den Bau des Präsidentenpalastes vor, der hier in zwei Jahren stehen wird. Den ansässigen Datschen-Besitzern hatte die Regierung nur einige Monate gewährt, ihre Idyllen am Stadtrand räumen.

Wie aus der Lego-Kiste

Welchen Bedeutungswandel die Kapitale in den kommenden Jahren erleben dürfte, haben die Bewohner bereits erfahren. Seit der künstlichen Verbreiterung des Ishim liegt Astana an einem Fluss, dessen Breite von bis zu 200 Metern den hauptstädtischen Strömen Seine, Themse oder Donau gleichkommt. Doch bei genauerem Blick entpuppt er sich mehr als flacher See denn als reißender Strom. Der schmale Fluss, der sich durch die sumpfige Region schlängelt, ist im Stadtgebiet lediglich aufgestaut. Immerhin hat Astana seitdem eine Uferpromenade, wie sie für die russischen Städte an Ob, Wolga und Ural so typisch ist. Die neuen Wohnbauten entlang des Ufers, die die Regierung für ihre Beamten errichten ließ, wirken wie aus der Lego-Kiste: bunte Farben, einfache Gebäudeformen, voluminöse Dächer. Das Gros der Astaner lebt allerdings in einfachsten Wohnblocks, die in der Nach-Stalin-Ära errichtet wurden. Die Wohngebiete, so genannte Mikro-Rayons, sind zwar inzwischen zu grünen Oasen zugewachsen, doch seit der Unabhängigkeit vor zehn Jahren wurden weder die haustechnischen Anlagen gewartet noch Eingänge und Fenster in irgendeiner Weise gepflegt. Glücklich sind deshalb die, die sich schon zu Sowjetzeiten eine Datscha in der Umgebung sichern konnten. Sie bietet, wie etwa für Sergej und seine Frau Anna, in Zeiten des Mangels eigene Ernten.

Die beiden Kasachen russischer Abstammung kamen vor über 40 Jahren in die Steppe und zogen hier ihre vier Kinder auf. Damals war die kleine Siedlung Akmola gerade in Tselinograd umbenannt worden - in Anlehnung an die landwirtschaftliche Erschließung der Region im Rahmen des so genannten "Neuland-Programms" (Tselina, russisch: Neuland), in dessen Folge Kasachstan zu einem Getreidelieferanten der UdSSR wurde. Wenn sich Sergej an diese Zeiten des Aufbaus erinnert, ist er den Tränen nahe. Die politische Freiheit, sagt der 65-Jährige, müsse teuer erkauft werden. Früher habe er wenigstens ein geregeltes Einkommen gehabt, das sechs Familienmitglieder satt gemacht hat. Heute wisse er oft nicht, wie er mit seiner Frau den Winter überstehen solle. Seine Kinder seien inzwischen alle nach Russland gegangen. Und Astana? Warum man in einem Land, das so leer sei wie Kasachstan, eine neue Hauptstadt bauen müsse, werde er wohl nie verstehen. Schon die Sowjets seien an der unendlichen Weite des Landes gescheitert. Vier Mal hat der Ort in den vergangenen vier Jahrzehnten seinen Namen geändert: Akmola, Tselinograd, Akmola, und jetzt Astana, was auf kasachisch so viel heißt wie "Hauptstadt". Nur noch der Flughafen-Code TSE erinnert an alte Zeiten.

"Wenn Sie in einigen Jahren in Astana landen, wird auch dieses Relikt aus Sowjetzeiten verschwunden sein", sagt Kurokawa und schaut wieder aus seinem Bürofenster in Tokio. Die untergehende Sonne hat die Silhouette zu einem goldenen Kranz über der Stadt werden lassen. Zum Abschluss macht der Architekt noch eine zweite Mappe mit Plänen auf. Es ist der neue Flughafen von Astana, den Präsident Naserbajew im Direktauftrag an Kurokawa vergab. Aus Dank für die Arbeit an Astana? Schweigen. Beim Betrachten der Pläne lässt Kurokawa dann auch die Frage unbeantwortet, wie nachhaltig eigentlich eine Stadt wie Astana sei, die ihre Wachstumserwartungen nur auf Kosten sich entleerender Regionen erfüllen könne. Der Japaner hält sich zurück, wenn die Fragen politisch und nicht architektonisch gestellt sind.

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