Zeitung Heute : Die besten Reisen finden im Kopf statt!

Von Esther Kogelboom

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Bildschöne Stewardessen, bester Rotwein vom Kap, lustige Piloten – ich bin ein großer Fan der Fluggesellschaft South African Airways (SAA). Vor allem, seit man auf der SAA-Homepage Reisen in die Vergangenheit buchen kann.

Gestern musste ich einen Flug von Johannesburg nach Kimberley und zurück reservieren. Nachdem ich mit Mühe und Not eine sichere Internetverbindung hergestellt und die Destination eingetippt hatte, bot mir SAA zwei Reisejahre an: 1988 und 1989. Ich klickte hin und her, startete den Computer neu, nichts half. Schließlich rief ich von meinem Prepaid-Handy aus die Hotline an.

– „Good Afternoon, how may I help you?“, fragte eine freundliche Frauenstimme.

– „Good Afternoon?!“, blaffte ich genervt zurück. „Es ist mitten in der Nacht!“

– „Hier nicht. Sie sprechen mit einem Callcenter in den Vereinigten Staaten von Amerika.“

Da saß ich also, im Johannesburger Stadtteil Randburg, wollte nach Kimberley und schilderte einer Amerikanerin mein Problem. Mein schlapper Witz ging so: „Kann ich für 1000 Rand einen Flug nach Berlin-Schönefeld buchen, Abflugdatum 1. Februar 1989?“ – „Let me see what I can do. Hang on.“ Wenige Minuten später meldete sie sich mit den Worten: „Sie können über Frankfurt nach Berlin-Tegel fliegen.“ Ich dachte, ich träume.

Ich, die nie in der DDR war, würde doch noch den Fall den Mauer miterleben können. Teilnehmende Beobachtung, sozusagen. Und ich hätte sogar noch etwas Zeit, die Meinungsseite des Tagesspiegels mit messerscharfen Prognosen vollzuschreiben, die sich kurze Zeit später ausnahmslos bewahrheiten würden. Ich sah mich bereits mit der Ost-Berliner Boheme über den Kollwitzplatz spazieren. In meiner Fantasie sah ich so aus wie Martina Gedeck in „Das Leben der Anderen“. Gequält zwar, aber trotz vertikaler Stirnfalte unglaublich attraktiv.

Endlich würde ich die DDR und ihre Bewohner verstehen. Diese Möglichkeit erscheint mir heute verlockender, als für einen Tag das Geschlecht tauschen zu können. Ehrlich.

Ich packte meine Koffer und fuhr zum Flughafen von Johannesburg. Die Frau am Schalter reichte mir mein Ticket nach Kimberley und entschuldigte sich für den kaputten Server. In leicht melancholischer Grundstimmung kletterte ich in eine Propellermaschine, die prompt in eines der Gewitter geriet, das sich um diese Jahreszeit so gut wie täglich über dieser ohnehin schon irren Stadt auftürmt. Das Flugzeug schleuderte zitternd und röhrend von einer schwarzen Wolke in die nächste. Es fühlte sich ungefähr so an wie Trampolin springen, nur ohne Trampolin. Über mir schepperte das Handgepäck. Blitze.

Schließlich kündigte der Pilot mit etwas zu entspannter Stimme weitere Turbulenzen an und riet, angeschnallt zu bleiben. Ich überlegte, für welche Anrufe das Guthaben auf meinem Prepaid-Handy noch reichen würde. Wem hatte ich noch was zu sagen? Mir fielen eine ganze Menge Leute ein. Ich überlegte die Rangliste. Unmöglich. Vielleicht wäre auch eine lässige SMS an alle okay: Stuerze ab. War nett. LG, Esther :-(

Beim Landeanflug betrachtete ich mit Schrecken das riesige graubraune Erdloch, für das die Diamantenstadt Kimberley berühmt ist. Es sah aus wie das Gate zum Mittelpunkt der Erde. Vielleicht sollten sie bei South African Airways mal drüber nachdenken.

Unsere Kolumnistin, 31, bekommt laufend gute Ratschläge – und verteilt gern auch welche. Hier überprüft sie jede Woche einen guten Rat auf seinen Wahrheitsgehalt. In den nächsten Wochen arbeitet sie in Südafrika.

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