Zeitung Heute : Die Bestzeit ihres Lebens

Sie läuft langsam, trainiert nur zweimal die Woche. Aber Sprinterin Robina Muqimyar ist die Hoffnung ihres Landes, nie zuvor startete eine Afghanin bei Olympia

Miriam Indra[Kabul]

Das Mädchen, das in die Geschichtsbücher seines Landes eingehen wird, trägt Stonewashed-Jeans mit hohem Stretchanteil und kaut gelangweilt Kaugummi. Um ihren Hals baumelt ein hellblaues Handy mit 20 verschiedenen Klingeltönen. Ein ganz normaler Teenager. Nicht in Köln oder Mannheim. Wir sind in Kabul, Afghanistan.

Robina Muqimyar ist 17 Jahre alt, hat sieben Geschwister und geht in eine Kabuler Mädchenschule, die die Vereinten Nationen vor anderthalb Jahren aufgebaut haben. Und wären vor neun Monaten nicht vier Männer in teuren Anzügen in ihr Klassenzimmer gekommen, stünde sie jetzt vermutlich nicht mitten in einer Horde Journalisten vor dem Stadion von Kabul.

Die Männer waren vom Nationalen Olympischen Kommitee (NOK) Afghanistans und auf der Suche nach Frauen. Im Namen des Sports natürlich. 1999 war das Land unter der Taliban-Herrschaft von der Olympischen Bewegung verbannt worden, weil es Frauen verbot, Sport zu treiben und auch sonst fast alles andere. Jetzt, beim ersten olympischen Auftritt seit acht Jahren, wollen die Männer in Athen ein modernes Afghanistan präsentieren. Und modern heißt: mit Frauen. Egal ob Sprinterinnen, Schwimmerinnen oder Hürdenläuferinnen. Irgendwo müssten sich doch welche auftreiben lassen.

Robina ging zu den Männern und sagte: „Ich will laufen.“ Zu Hause bat sie ihren Vater um Erlaubnis, und einen Tag später stand sie mit einer Frau in Jogginghose und einer Hand voll Mädchen in Kopftüchern und langen Röcken im Schulhof. Neema Soretgar, die Frau in Jogginghose, ist 31 und war unter der Sowjetbesatzung Basketballnationalspielerin. „Als ich den Mädchen sagte: Lauft!, sahen sie mich mit großen Augen an und setzten zaghaft einen Fuß vor den anderen“, erinnert sich Neema. „Also haben wir es erst mit Gehen versucht.“ Robina ging schnell. Zwei Wochen später lief sie so schnell, dass sie den Qualifizierungswettkampf im 100-Meter-Sprint im Kabuler Stadion gewann. Und als sie jetzt nach Athen reiste, sah man ihr Foto in der Zeitung. Darunter: „Olympiahoffnung Robina Muqimyar“. Am Freitag wird sie in Athen am Start stehen.

Sogar Präsident George W. Bush setzt seine Hoffnungen in sie – obwohl sich die beiden nie begegnet sind. Er will mit afghanischer Hilfe die Wahlen in den USA gewinnen. In einem neuen Fernsehspot erinnert Bush die US-Bürger daran, dass die Teilnahme Afghanistans und Iraks bei Olympia 2004 sein Verdienst sei. „Die Freiheit strahlt über die ganze Welt wie ein Sonnenaufgang“, heißt es in dem 30-Sekunden-Spot, „bei diesen Olympischen Spielen nehmen zwei freie Nationen mehr und zwei Terrorregime weniger teil“. Als der Spot am Freitag vorgestellt wurde, lief Robina gerade ins Stadion von Athen ein – in Nationaltracht und zaghaft ein Fähnchen schwenkend. Der Applaus war überwältigend.

Noch vor nicht einmal drei Jahren wäre eine afghanische Frau, die läuft, und das auch noch in aller Öffentlichkeit, mit großer Wahrscheinlichkeit in Kabul auch im Stadion gelandet. Nicht zum Training, sondern zur Hinrichtung.

Als 1996 Kabul an die Taliban fiel, beeilten sich die neuen Herrscher, den Sport aus der Stadt zu vertreiben. Den Frauen sagten sie: Es ist zu eurem Besten, beim Sport könnt ihr euch leicht verletzen, ihr werdet unfruchtbar und keinen Mann finden. Den Männern sagten sie: Studiert den Koran statt Bällen hinterherzulaufen. Das Stadion wurde umfunktioniert. Statt Fußballgucken sollten die Männer freitags zum Beten auf die Tribünen kommen, den Reden der Mullahs zuhören. Als die Männer nicht kamen, erlaubten die Taliban Fußballgucken wieder. Vor dem Anpfiff wurde gebetet, in der Halbzeit bisweilen eine Frau erschossen oder ein Kopf zerschmettert, am Ende wieder gebetet. „Ich habe das Geräusch heute noch im Kopf“, sagt Robinas Coach Shapur Amiri, ein schmächtiger, stolzer Mann, der 1980 bei den Olympischen Spielen in Moskau ebenfalls für sein Land startete. Das knackende Geräusch, wenn ein Stein gegen einen Kopf schlug. Heute dreht Robina auf der Zementbahn um das Fußballfeld ihre Runden. Amiri stoppt die Zeit und nickt zufrieden. 1,64 Sekunden Verbesserung in vier Monaten Training mit ihm, das ist nicht schlecht.

Fast nach jedem Training fangen Journalisten Robina am Stadion ab. Zum ersten Mal in der Geschichte Afghanistans reisen Frauen zu Olympia, eine kleine Sensation. In welcher Disziplin trittst du an, wollen sie wissen? Wie oft trainierst du? Was sagt dein Vater dazu? Und Robina antwortet geduldig. 100-Meter-Sprint. Zweimal die Woche. Mein Vater ist stolz auf mich. Fühlt sie die Hoffnung der Menschen in sich? Dann zuckt Robina mit den Schultern und kaut weiter Kaugummi. Deine Bestzeit? „Etwas mehr als 15 Sekunden“, sagt Robina. „15,06 Sekunden auf 100 Meter“ verbessert Amiri, als ob das die Chancen, eine der Spitzenläuferinnen einzuholen, erhöhen würde. Vor vier Jahren in Sydney holte Marion Jones mit 10,75 Sekunden Gold. „Wir fahren nicht nach Athen, um Goldmedaillen zu gewinnen“, mischt sich Zia Daschti ein, Vizepräsident des afghanischen NOK. Der vollbärtige Mann, der sich keinen Pressebesuch entgehen lässt, schiebt sich vor Robina und ihren Trainer. „Allein unsere Teilnahme ist ein Erfolg. Dies ist ein Meilenstein in der Geschichte Afghanistans.“ Eine hektische TV-Journalistin schiebt Robina an den Schultern vor die Kamera und spricht ins Mikro: „Auf diesen Schultern liegt die Hoffnung von 27 Millionen Afghanen.“ Zwar können drei Viertel aller Afghanen keine Zeitung lesen, und nicht mal zwei Prozent besitzen einen Fernseher, aber Hoffnung bringt Robina tatsächlich. „Ich bin für viele Mädchen ein Vorbild, und ich bin sehr stolz und glücklich, dass ich mein Land in Athen vertreten darf“, sagt Robina sehr erwachsen in die Kamera.

Robinas Familie wohnt in Scharenau, einem Stadtteil, der in Kabul zu den besseren gehört. Ein besserer Stadtteil, das heißt hier: Straßen ohne Namen, staubige Flachdachhäuser hinter Mauern und ab und zu ein kleines Blumenbeet im Vorgarten. Vor Robinas Haus steht ein kleiner Berg aus Schlappen, Turnschuhen und Sandalen. Zu jedem Schuh gehört ein Familienmitglied: drei Brüder, vier Schwestern, Mutter Mahbuba, die in der Stadt einen Schönheitssalon betreibt und Vater Dschamalludin, der Nähmaschinen vetreibt. Robina wirft ihre Nike-Imitat-Turnschuhe auf den Berg und geht ins Wohnzimmer. Auf dem Boden liegen persische Teppiche, von der Decke baumelt eine Glühbirne, keine Möbel. Dafür hängt an der Wand ein Poster einer indischen Sängerin. Erst Anfang des Jahres hatte der Oberste Gerichtshof Afghanistans heftig protestiert, als das nationale Fernsehen singende und tanzende Frauen ausstrahlte. Die Folge: keine singenden und tanzenden Frauen mehr im Fernsehen. Dafür bei Muqimyars zu Hause. Ein kleiner Protest. In Robinas Familie interessiert man sich nicht allzu sehr für Politik. Während der Taliban-Herrschaft verhielt sie sich unauffällig, versuchte irgendwie durchzukommen. Vater Dschamalludin hält sich nicht lange mit Erinnerungen an die traurige Vergangenheit auf. Er hat für den Besuch aus Deutschland Lamm-Kebab und Brot gekauft. „Ihr Deutschen mögt ja keinen Reis“, meint er und breitet eine Plastiktischdecke auf dem Boden aus. Die Deutschen sind beliebt in Afghanistan, „die Einzigen, die uns wirklich helfen“, sagt Dschamalludin. Vater, Trainer und Robina sitzen im Schneidersitz um das Lammfleisch und benutzen das Brot wie eine kleine Schaufel, auf die sie das Fleisch türmen und in den Mund schieben. Spezielle Diät? Ernährungsprogramm? Robina blickt fragend zu ihrem Trainer und antwortet mit vollem Mund. „Ich versuche, bis zu den Spielen gesund zu essen.“ In ihren Ärmel tropft das Fett aus dem Lammfleisch. „Wir haben hier nicht die Möglichkeiten, die andere Sportler haben“, sagt Amiri. Keine Psychologen, keine Sportärzte, kein Betreuerteam, kein Studio für Krafttraining. Dreimal durfte Robina für eine Stunde im Kraftraum der International Security Assistance Force (ISAF) Gewichte stemmen. Die Soldaten verließen solange natürlich den Raum. Reicht ja schon, dass der Coach ein Mann ist. Dass sie mit dem Sprinter Massoud zusammen im Stadion trainiert. Dass sie die islamischen Kleiderregeln bricht, wonach alles außer Gesicht, Händen und Füßen einer Frau bedeckt sein muss.

Robina trägt beim Laufen zwar lange, weite Trainingshosen und ein Kopftuch, aber dazu nur ein T-Shirt. So wird sie auch in Athen starten, obwohl die Hosen beim Laufen stören. „Lange Hosen sind wichtig“, sagt NOK-Vize Daschti. „Sonst werfen uns die Konservativen vor, wir schicken unsere Frauen nackt nach Athen.“ Die Nachbarn reden trotzdem. Und der Mullah einer Kabuler Moschee verurteilte Robina erst kürzlich im Radio: „Wie kann es sein, dass kein Nachbar ihr ganzes Gesicht sehen soll, aber Tausende Ausländer und Nichtmuslime in einem riesigen Stadion ihren ganzen Körper sehen?“ Robina sagt, sie höre nicht hin bei sowas. „Das sind dieselben Leute, die unser Land ruiniert haben. Sie wollen nicht, dass Frauen irgendetwas tun. Ich akzeptiere das nicht. Ich werde eine Botschaft in die Welt schicken, für alle afghanischen Mädchen.“ Die Augen ihres Trainers leuchten, wenn Robina solche Dinge sagt.

Die Moldau klingelt aus ihrer Handtasche. Afghanische Handyversion. Trainingspartner Massoud ist dran. „Wir kommen“, sagt Robina. Das letzte Training im Kabuler Stadion. Einen Tag später werden sie im Flugzeug nach Griechenland sitzen. Ein Sprinter, ein Boxer, ein Wrestler, eine Judoka und Robina. Bezahlt wird ihr Aufenthalt vom Internationalen Olympischen Kommitee und von der griechischen Regierung. „Vom afghanischen NOK bekommen wir so gut wie nichts“, sagt Amiri verbittert. „Die Funktionäre verteilen die Fördergelder, aber leider nur unter sich. Die Sportler bekommen nicht mal ein Taschengeld fürs Trainingslager.“ Er selbst verdiene 20 US-Dollar im Monat. Dafür hat der Olympia-Ausstatter Adidas große Pakete geschickt. Schwarzrote Trainingsanzüge, passende Baseballkappen und funkelnd weiße Laufschuhe. „Sie haben auch welche mit Nägeln unten dran geschickt“, erzählt Robina und zieht eine Augenbraue nach oben. Für Zementbahnen hatte man in Herzogenaurach vermutlich nichts im Programm.

Bevor sie am nächsten Tag um 16 Uhr ins Flugzeug nach Griechenland steigt, muss Robina noch zur großen Geburtstagsparty ihrer Schwester. 50 Gäste sind eingeladen, Massoud und Trainer Amiri sind auch dabei. Der erste Stock des Kabul Green Restaurants ist für Muqimyars reserviert. Eine fünfköpfige Live-Band hat Polyesterhemden angezogen und Instrumente aufgebaut. Wegen Robina findet die Party schon nach Mittag statt. Robina hat die Lippen dunkel geschminkt, trägt Glitzerspray im offenen Haar und die höchsten silbernen Plateauschuhe, die in Kabul aufzutreiben waren. Die Band spielt afghanische Popmusik, Robina und Massoud tanzen als Einzige. Der Rest klatscht. Robinas Schwester verzieht keine Miene. Es ist Robinas Auftritt, der große Abschied, das Finale in Kabul. Robinas Chiffonkleid schleudert beim Tanzen durch die Luft, Massoud schiebt seinen Unterleib im Takt hin und her, die Menge klatscht. Klatscht und singt. Dieter Bohlen würde jauchzen. „Cherry cherry Lady“ auf Dari, dem persischen Dialekt Afghanistans.

„Wir müssen los“, sagt Amiri und drückt Robina und Massoud zwei Tüten in die Hand. Wenig später stehen sie in ihren Adidas-Anzügen im Saal. Robinas dreijähriger Bruder umklammert ihre Beine, Mutter Mahbuba sammelt Obst von den Tischen in eine Tüte und schiebt sie Robina mit einem Du-hast-ja-gar- nichts-gegessen-Blick zu. „Vergesst nicht, sobald wir aus dem Flugzeug aussteigen, dürft ihr nur die Adidas-Anzüge tragen“, sagt Amiri und klopft seinen beiden Schützlingen auf die Schultern. Robina hat jetzt Tränen in den Augen, sie nimmt ihren Bruder auf den Arm. Sie küsst ihn auf die Wange, reicht ihn Mahbuba und flüstert: „Ich werde euch nicht enttäuschen.“

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